Full Text - Section 76

Zwanzigstes Kapitel.

Der Wagen Tuberozows rollte in den Hof.

»Ach Gott, Vater Sawelij, wie hab' ich mich um dich gebangt!« schrie Natalia Nikolajewna und stürzte ihrem Gatten entgegen. »Das furchtbare Gewitter, — und du warst ganz allein, mein Herz!«

»Ja, Liebste, ich war nur einen Schritt vom Tode entfernt.«

Und der Propst erzählte seiner Frau alles, was er an der Quelle erlebt hatte, und fügte hinzu, daß er von nun an gleichsam ein zweites Leben lebe, nicht mehr sein eigenes, sondern das eines andern. Es sei ihm dies eine Lehre und zugleich ein Vorwurf, nie an die Vergänglichkeit und Nichtigkeit seines kurzen Lebens gedacht zu haben.

Natalia Nikolajewna zwinkerte nur mit den Äuglein und sagte seufzend:

»Willst du jetzt nicht etwas essen?« — Und als der Gatte daraufhin nur verneinend den Kopf schüttelte, fragte sie, ob er Durst habe.

»Durst?« wiederholte Sawelij. »Ja, ich dürste.«

»Willst du Tee?«

Der Propst lächelte, küßte seine Frau auf den Scheitel und sagte:

»Nein, mich dürstet nach Wahrheit.«

»Ei was! Dank sei deinem Gotte! Alles, was du tust, ist gut.«

»Schon recht, schon recht, — aber jetzt will ich mich waschen. Und du erzählst mir indes, was sie hier mit dem Diakon anstellen.«

Und der Propst trat vor das glänzende kupferne Waschgerät und wusch sich, und Natalia Nikolajewna berichtete ihm alles, was sie von Achilla wußte, und zog daraus den Schluß, es werde damit nichts anderes bezweckt, als ihm, ihrem Manne, etwas Böses anzutun.

Der Propst schwieg. Als er seine Toilette beendet hatte, nahm er Hut und Stab und begab sich zur Kirche, wo der Vespergottesdienst bereits begonnen hatte.

Fünf Minuten später stand er im Altarraum seitwärts vom Opfertisch am Fenster und schrieb etwas auf ein Blatt Papier, welches er gegen das schräge, von der untergehenden Sonne hell beleuchtete Fensterbrett stützte. Was mag er da schreiben? Wir können es über seine Hand hinweg ganz gut lesen. Folgendes stand auf dem an den Polizeichef Porochontzew adressierten Blatte: »Da ich die Absicht habe, morgen anläßlich des hohen Festtages eine feierliche Messe in der Domkirche abzuhalten, so erachte ich es für meine Pflicht, Euer Hochwohlgeboren davon in Kenntnis zu setzen, und knüpfe daran die ergebenste Bitte, heute noch rechtzeitig allen Beamten davon schriftlich, gegen Empfangsbestätigung, Mitteilung zu machen, damit dieselben in der Kirche erscheinen können. Insonderheit bitte ich dieses denjenigen Herren Beamten zu empfehlen, die am meisten dazu neigen, diese ihre Pflicht zu vernachlässigen, denn ich bin entschlossen, über das schlechte Beispiel, das sie damit geben, der Obrigkeit unverzüglich Bericht zu erstatten. Den Empfang dieses Schreibens bitte ich Euer Hochwohlgeboren mir gütigst bestätigen zu wollen.«

Der Propst ließ sich das Botenbuch bringen, setzte eine Nummer auf sein Schreiben, trug es eigenhändig ins Buch ein und schickte den Glöckner damit zu Porochontzew.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Nacht, welche diesem Abend im Hause Sawelijs folgte, erinnert uns an jene, da wir den Alten über seinem Tagebuche sahen: er war ebenso allein in seiner Stube, ging ebenso auf und ab, setzte sich ebenso hin, schrieb und sann nach, — aber sein Buch lag diesmal nicht vor ihm. Auf dem Tisch, an den er immer wieder herantrat, lag ein kleines doppelt gefaltetes Blättchen, und auf dieses Blättchen setzte er in winziger, aber doch deutlich lesbarer Schrift folgende fragmentarische Notizen:

»Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne.«

»Übliche Einleitung: meine gestrige Lage während des Gewitters. Der Rabe: wie er sich vor dem Unwetter in der mächtigen Eiche verbergen wollte und den Tod dort fand, wo er Rettung gesucht hatte.

Wie lehrreich mir das Beispiel dieses Raben scheint. Ist das Heil dort, wo wir es wähnen, die Not dort, wo wir sie fürchten?

Unser maßloses Grübeln, das die Vernunft zu seinem Sklaven macht. Die Gelehrsamkeit, welche die Möglichkeit einer Erkenntnis des bisher Unfaßbaren leugnet.

Die Unvollkommenheit und die Unsicherheit unseres Wissens von der Seele. Das mangelnde Verständnis für die Natur des Menschen und die daraus folgende leidenschaftslose Gleichgültigkeit gegen Gut und Böse und die falsche Beurteilung menschlicher Handlungen: Rechtfertigung des nicht zu Rechtfertigenden und Verurteilung des Lobenswerten. Verdient Moses, der den Ägypter schlug, vom verkehrten Standpunkt gewisser Liberaler, die das heiße Vaterlandsgefühl verwerfen, nicht Tadel? Verdient Judas der Verräter vom Standpunkt der ›blind im Gesetz Ruhenden‹ nicht Lob, da er doch ›das Gesetz eingehalten‹, als er seinen Meister verriet, den die Machthaber verfolgten? (Innozenz von Cherson und seine Auslegung.) Auch unsere Tage sind reich an Verführung: Vorwürfe gegen jene, die den Listen der heimlichen Feinde des Staates nicht gleichgültig gegenüberstehen können. Der große Verlust der Sorge um das Heil des Vaterlandes und als letztes Beispiel die Nachlässigkeit in der Erfüllung der Gebetspflichten an den großen Festtagen des Volkes, die zur bloßen Formalität geworden sind.

Auslegung der Worte: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige‹ in dem Sinne, ›daß wir ein geruhig und stilles Leben führen mögen‹ (St. Paulus). Welchen Wert hat ein solches Leben? Beispiel: Rehabeam nach Salomo, umringt von Freunden und Gespielen, die vor sein Antlitz treten und ihm arglistig vorstellen, daß die Last des Volkes erleichtern eine Erniedrigung seiner eigenen königlichen Würde bedeute, — und wie er infolge ihres Rates die Not Israels vergrößerte.


Looking for comments…

Searching Nostr relays. This may take a moment the first time this article is opened.