Full Text - Section 75
Der Alte setzte sich barhäuptig in den Schatten, gähnte und fuhr plötzlich zusammen, da er in der Ferne ein schweres Dröhnen vernommen zu haben glaubte.
»Was ist das? Ein Gewitter?«
Er stand wieder auf, ging an den Waldrand hinaus und sah, daß von Osten her wirklich eine dunkle Wolke heraufzog. Das Gewitter überraschte ihn ganz allein.
Noch ein Schlag! Das Feld wogte heftiger und kalt wehte es darüber hin.
An die schwarze Wolke, welche den Osten ganz bedeckte, rückten von unten her kleinere Wolkenballen heran, gleichsam von ihr heraufgezogen wie Kulissen. Ab und zu brach eine Flamme zwischen ihnen durch. So überschaut ein Zauberkünstler, der eine schauerliche Vorstellung geben will, mit der Laterne in der Hand, noch einmal die dunkle Bühne, bevor er alle Lichter anzündet und den Vorhang hochzieht. Die schwarze Wolke kroch weiter und je näher sie rückte, desto undurchdringlicher schien sie. Vielleicht läßt der liebe Gott sie vorüberziehen? Vielleicht entlädt sie sich irgendwo weiter draußen? Doch nein! Schon zuckt über ihren oberen Rand leise ein feuriger Streif und Blitze flimmern und flackern plötzlich leuchtend durch die ganze finstere Masse. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen: Wolken haben ihre Scheibe bedeckt, ihre langen, degenartigen Strahlen zucken noch einmal hell auf, um dann auch zu verschwinden. Ein Wirbelwind erhebt sich pfeifend und dröhnend. Wie Fahnen flattern die Wolken. Über das reifende Roggenfeld laufen weiße Flecken wild hin und her. Einer scheint unmittelbar vom Himmel herabzufallen, ein anderer setzt sich dick und breit hin. Plötzlich laufen beide auf einander los, fließen in eins zusammen und verschwinden. Am Feldrain schüttelt der Wind die Ähren so seltsam, daß man meinen könnte, es wäre nicht der Wind, sondern ein lebendes Wesen hätte sich am Boden versteckt und treibe wütend seinen Unfug. Der Wald ist voll Lärm. Eine Zickzacklinie flammt über dem Walde auf; eine andere zuckt hoch über den Wipfeln, und dann wird es still … ganz still! … Kein Blitz, kein Wind: alles ist wie gebannt. Das ist die Stille vor dem Sturm: alles, was noch nicht Zeit gehabt hat, sich vor dem Unwetter zu verstecken, sucht diesen letzten stillen Augenblick noch auszunutzen: ein paar Bienen fliegen an Tuberozow vorüber, es ist, als flögen sie nicht, sondern als würden sie von einem Windstoß fortgerissen. Aus dem dunklen Gesträuch, das jetzt ganz schwarz erscheint, hüpfen ein paar erschrockene Hasen heraus und legen sich in eine Furche. Über das Gras, das bei der Beleuchtung grau wie Asphalt aussieht, rollt ein silberner Knäuel und verschwindet unter der Erde. Es war ein Igel. Alles verbirgt sich, so gut es kann. Da als letzter stürzt sich auch der Rabe, welcher vorhin so hoch schwebte, die Flügel hart an den Rücken gedrückt, hinab auf den Wipfel eines hohen Eichbaums, wo man ihn jetzt schwerfällig rascheln hört.
Achtzehntes Kapitel.
Tuberozow war nicht furchtsam, aber sehr nervös, und solche Menschen werden bei starken elektrischen Entladungen von einer unwillkürlichen und unbezwinglichen Unruhe befallen. Diese Unruhe verspürte auch er, als er sich umschaute und überlegte, wo er wohl am besten vor dem Gewitter, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand, geschützt wäre.
Seine erste Bewegung war, nach seinem Wagen zu laufen, einzusteigen und sich zuzudecken; aber kaum hatte er hier Platz genommen, so begann es im Walde zu knarren und zu krachen, und der Wagen wurde hin und her geschüttelt, wie eine Kinderwiege. Auf diesen Unterschlupf war also kein Verlaß: der Wagen konnte sehr leicht umgeworfen werden und ihn erdrücken.
Tuberozow sprang wieder hinaus und lief ins Kornfeld. Der Wirbelwind packte ihn bald von vorn, bald von der Seite, zwang ihn, stehen zu bleiben, riß ihn an den Schößen zurück, pfiff, trompetete, winselte und brüllte ihm in die Ohren.
Tuberozow lief wieder zur Quelle. Aber in dem Kristallbecken herrschte eine noch größere Unruhe: das Wasser brauste und kochte, und durch die Kreise, die es bildete, schien ein in der Tiefe verborgenes Wesen sich emporarbeiten zu wollen. Plötzlich flammte es über der dunkeln, bleiernen Wassermasse blutigrot auf. Es war ein Blitzschlag, aber was für ein seltsamer Schlag! Wie ein Pfeil fuhr er, in zweimaligem Zickzack gebrochen, von oben herab, spiegelte sich im Wasser wider und wirbelte im selben Augenblick, ebenso gezackt, wieder zum Himmel empor, als hätten Himmel und Erde einen feurigen Gruß getauscht. Ein knatternder Schlag folgte, als stürzten sämtliche Dachplatten von einem Hause herab, und eine gewaltige Wolke von Wasserstaub und Schaum sprudelte springbrunnenartig aus der Quelle empor.
Tuberozow legte die Hände vor das Gesicht, sank auf ein Knie und befahl Seele und Leben dem Allmächtigen. Jetzt brach auf den Feldern und im Walde eine jener Gewitterkanonaden los, welche dem Menschen seine völlige Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten so besonders klar vor Augen führen. Blitze flammten auf. Krachend folgte Schlag auf Schlag. Mit einem Male sah Tuberozow, wie auf den dunklen Eichenstamm vor ihm gleich einer trüben Lampe schimmernd eine Kugel zuschwebte. Mitten im Gezweig des Baumes leuchtete der Funke plötzlich in blendendem Lichte auf, wuchs zu einem großen Klumpen und zerstob. Ein furchtbares Getöse erschütterte die Luft, dem alten Manne ging der Atem aus, um seine Finger und Zehen drehten sich glühende Ringe, der Körper reckte sich krampfhaft empor, knickte zusammen und fiel hin …
Ein Bewußtsein erfüllte ihn noch: daß alles zusammenbrach. Daß das Ende nahe! Weiter konnte er nichts denken … Als er zu sich kam, wußte er nicht, wieviel Zeit seit dem Augenblick vergangen war, da der Schlag ihn getroffen, und wie lange er bewußtlos gelegen hatte. Er hörte nur noch ein letztes, dumpfes, langsames Rollen weit droben, — dann trat völlige Ruhe ein. Das Wetter zog ab. Sawelij hob den Kopf, blickte um sich und bemerkte in seiner nächsten Nähe auf dem Boden etwas Riesiges, Unförmiges. Es war ein Haufen Zweige, der Wipfel des gewaltigen Eichbaums. Wie mit einem Messer war der Baum dicht über der Wurzel abgeschnitten und lag auf der Erde. Aus seinem Gezweig, das sich mit den Kornähren des Feldes mischte, erklang das widerliche Kreischen des Raben, der mit dem Baum gestürzt war. Ein schwerer Ast hatte ihn an die Erde gedrückt, und nun riß er seinen purpurroten Rachen weit auf, zuckte in Krämpfen und schrie verzweifelt.
Angewidert durch dies Schauspiel sprang Tuberozow mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit zur Seite, als wäre er nicht siebzig Jahre alt, sondern siebzehn.
Neunzehntes Kapitel.
Das Gewitter hatte sich ebenso schnell verzogen, wie es gekommen war. An Stelle der schwarzen Wolke hob sich vom blauen Grunde ein rosiger Streifen ab. Auf dem nassen Hafersack, der auf dem Bock des Wagens lag, saßen schon fröhlich zwitschernde Spatzen und zogen frech nasse Körner durch die Löcher der feuchten Leinewand. Der Wald wurde wieder lebendig. Irgendwoher kam ein leises, einschmeichelndes Pfeifen, und auf den Rain ließ sich laut girrend ein Taubenpärchen herab. Das Weibchen streckte seinen Flügel über dem Boden aus, strich ihn mit seinem roten Pfötchen und richtete ihn segelartig empor, um sich vor dem Freunde zu verbergen. Der Tauber blies den Kropf auf, machte eine tiefe Verbeugung und sagte gefühlvoll: »Nur du!« Auf diese Begrüßung folgten Küsse, und fieberhaft bebten die Flügel im dichten Gewirr der Wermutstauden. Das Leben nahm wieder seinen Lauf. Pferdegetrappel ertönte in nächster Nähe: Pawliukan kam zurück. Er ritt auf dem einen Pferde und führte das andere am Zügel.
»Nun, lebt Ihr noch, Vater!« rief er lustig, auf den Wagen zureitend und absteigend. »Ich eilte, was ich konnte, daß Ihr nicht allein vom Unwetter überrascht würdet, aber wie der Donner plötzlich so dreinfuhr, da bin ich, müßt Ihr wissen, vom Pferde runter einfach platt auf den Boden gefallen … Und hier hat’s ja den Eichbaum abgeschnitten!«
»Ja, mein Freund, das hat es. Aber laß uns nun anspannen und fahren.«
»Gott, muß das eine Gewalt gewesen sein!«
»Ja, Freund, aber fahren wir.«
»Es weht jetzt so ein frischer Wind, da wird sich’s herrlich fahren.«
»Ja, herrlich, aber spann nur schnell an.«
Und Tuberozow machte sich in seiner Ungeduld selbst an die Arbeit.
In wenigen Minuten waren die im Regen gebadeten Pferde angespannt, und der Wagen des Propstes sauste dahin, fröhlich in den zahllosen Lachen des furchenreichen Landweges plätschernd.
Die Luft war wunderbar frisch und rein. Ein warmes Licht lag über der Landschaft. Leichter Dampf stieg von den Feldern auf. Es roch nach feuchten Haselzweigen. Tuberozow fühlte sich in seinem Wägelchen so wohl wie seit langem nicht. Er zog immer wieder tief Atem und freute sich, daß er es so leicht konnte. Er kam sich vor wie ein Adler, dem neue Flügel gewachsen waren.
Vor der Stadt begrüßte ihn helles Glockengeläute, das die Andächtigen zum Vespergottesdienste rief.
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