Full Text - Section 74
»Was ist denn dabei? Es waren auch noch andere Leute da: der Lehrer und der Diakon.«
»Gewiß. Aber sagen Sie mir wenigstens, — sind diese Brillanten nicht irgendwo unter meine Sachen gesteckt?«
»Wie kann ich das wissen?«
»O Gott! Dieser Mensch macht mich wahnsinnig!« rief Bornowolokow in höchster Erregung.
»Noch eins,« flüsterte Termosesow und drückte Bornowolokows Arm fest zusammen. »Daß Sie sich’s nicht einfallen lassen, Ihren Kusinen vorzuflunkern … denn die Briefe wurden nicht nur von mir gelesen.«
Sechzehntes Kapitel.
Die verschwundenen Brillanten der Biziukina, das Blachdnublach, die Niederlage Achillas und Prepotenskijs, die Liebelei mit Daria Nikolajewna und die Eroberung der Postmeisterin, endlich die Mattsetzung Bornowolokows, — alle diese Ereignisse, die sich in knapp vierundzwanzig Stunden abgespielt hatten, waren Termosesow selbst ein wenig zu Kopf gestiegen. Er fühlte ein unüberwindliches Verlangen nach Schlaf und streckte sich auf dem Heu des Wagens aus, wo er sofort einschlief und erst sehr spät am Morgen wieder erwachte. Die kühle Scheune, welche Termosesow zu seinem Schlafgemach gewählt hatte, blieb geschlossen und Ismail Petrowitsch rekelte sich noch lange nach dem Erwachen auf seinem Lager, kratzte sich die Fußsohlen und dachte nach.
Seine Gedanken waren insofern bemerkenswert, als das Vergangene und Geschehene für sie absolut nicht vorhanden war; ebensowenig beschäftigten sie sich mit einer der neuen Personen, gegen die Termosesow mit so kühner Ungeniertheit vorgegangen war. So seltsam das auch klingen mag, — Termosesow besaß wirklich eine gewisse Harmlosigkeit, die sich mit einer maßlosen sittlichen Laxheit und Frechheit und einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alle Menschen und ihr Urteil paarte. Er dachte nie daran, daß die Person, mit der er im Augenblick zu tun hatte, schon früher existiert hätte, ehe sie ihm in den Weg gekommen, und daß sie auch weiterhin existieren wolle; daß sie infolgedessen auch ihr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit und ihre eigenen Zukunftsaussichten habe. Ihm kam es so vor, als tauchten die Menschen vor ihm auf wie Wasserblasen oder Pilze, nur für den Moment, wo er sie zu Gesicht bekam, und darum glaubte er über sie völlig nach Belieben verfügen und sie ausbeuten zu dürfen, was er denn auch in der unverschämtesten Weise tat. Hatte er aber erreicht, was er wollte, so vergaß er den andern bald ganz und gar. In seiner zynischen Redeweise drückte er das ganz naiv aus: »Wenn ich jemanden gekränkt habe, bin ich später nie böse auf ihn.« Und so war es auch. Wenn jetzt plötzlich Achilla oder Prepotenskij zu ihm in die Scheune gekommen wären, so hätte er sie ganz freundschaftlich angeredet, ohne auch nur im geringsten an die gestrigen Ereignisse zu denken. Als er auf Bornowolokow, den er längst vergessen hatte, stieß, packte er ihn: »An dem bleib' ich hängen!« meinte er. Und blieb an ihm hängen. Als er die Biziukina traf, kam’s ihm in den Sinn, ihr den Hof zu machen — und er machte ihr den Hof. Als er — der Teufel mag wissen, zu welchem Zweck — ihr seine höhere politische Weisheit beibrachte, kam ihm der Gedanke, sich ihre Brillanten anzueignen, und alsbald ward dieser Gedanke ausgeführt. Dabei wurden die Brillanten so schlau versteckt, daß, falls die Biziukins es zu einer Haussuchung hätten kommen lassen, sie sich natürlich nicht bei Termosesow, sondern bei Bornowolokow gefunden hätten, der diese Kostbarkeiten fast am eigenen Leibe trug: Termosesow hatte sie nämlich in das Futter seines Mantels eingenäht. Die Person des Propstes Tuberozow beschäftigte die Gedanken Termosesows überhaupt nicht; als die Biziukina über ihn zu klagen begann, versprach er leichtfertig, den Alten aus dem Wege zu räumen, — und dann erst kam ihm die Idee, Tuberozow als Beweisobjekt für seine »Beobachtungsgabe« zu benutzen. Jetzt aber hätte keine Gewalt der Erde ihn mehr von dem hartnäckigen Streben nach Verwirklichung dieses Planes abbringen können.
Hätte der alte Propst dies gewußt, er würde die ihm zugedachte Rolle als bitterste Kränkung empfunden haben. Allein er hatte keinerlei Ahnung von dem, was ihm bevorstand, und fuhr auf seinem Klapperwagen von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, durchwanderte weite Waldstrecken zu Fuß, ruhte auf Wiesen und an Feldrainen und schöpfte neue Kraft aus der Berührung mit der Mutter Natur.
In der Stadt aber war inzwischen, dank den unermüdlichen Bemühungen Termosesows, die Schlinge schon ausgelegt. Die Beschwerde des Kleinbürger Danilka war den Instanzenweg gegangen, eine Bagatelle war zu einer Angelegenheit geworden, die auf gesetzlichem Wege entschieden werden mußte.
Siebzehntes Kapitel.
Die aufregenden Berichte vom Mißgeschick des Diakons Achilla und davon, daß man auch ihn, den Propst selbst, in diese nichtige Sache verwickelt hatte, trafen den Vater Sawelij in einem weit abgelegenen Kirchdorf, von dem er wenigstens zwei Tage zu reisen hatte, bis er die Stadt erreichte.
Es war unerträglich heiß. Vom letzten Dorf, in dem Tuberozow übernachtet hatte, waren es noch etwa fünfzig Werst bis zur Stadt. Der Propst war ziemlich spät ausgefahren und hatte noch kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als die Hitze so groß wurde, daß Tuberozow seine armen, von Schweiß und Schaum triefenden braunen Pferdchen gar nicht mehr ansehen mochte. Er beschloß deshalb, noch einmal Halt zu machen, um die Tiere zu füttern und sie ausruhen zu lassen. Aber keine Herberge wollte er aufsuchen: er erinnerte sich eines wunderschönen Plätzchens am Waldrand, der sogenannten »Zaunkönigshöhe«, dorthin zog es ihn, um in der Kühle zu rasten.
Von dem weiten flachen Abhang, der sich hier niedersenkt, erblickt man auf einer Entfernung von mehr als zwanzig Werst die goldenen Kuppeln der städtischen Kirchen, während der jahrhundertealte Wald sich im Rücken endlos hinzieht. Tiefe Stille und Ruhe herrschen hier.
Von der Glut ermattet, hatte Tuberozow eben den Wagen verlassen, als ihn ein ungemein wohliges Gefühl übermannte. Trotz der ringsum herrschenden Hitze strömte das dichte dunkelblaue junge Eichengehölz eine belebende Kühle aus. An den elastischen, wie in grünes Wachs getauchten Blättern der Jungeichen war kein Stäubchen zu entdecken. Überall warme, weiche, beruhigende Farben. Unter den bunten krausen Blättern des Farnkrautes guckt die leuchtendrote Wolfsbeere hervor. Von der Sonne vergoldet, reckt sich ein trockener Haselstrauch in die Luft, und auf dunkelbraunem Torfboden erheben sich ganze Pilzfamilien, zwischen denen rote Steinbeeren wie Korallen glänzen.
Während Pawliukan, in Unterwäsche und Weste, die erhitzten Pferde ausspannte und umherführte, ging der Propst ein wenig im Walde spazieren. Er holte sich aus dem Wagen einen kleinen Teppich und trug ihn zu einer grünen Vertiefung, aus der lärmend und schäumend eine Quelle sprang. Hier wusch er sich mit dem frischen Wasser und streckte sich zur Ruhe auf dem Teppich aus. Das gleichmäßige Murmeln des Baches und die Kühle umwehten wohltuend das von der Hitze ganz benommene Haupt des Alten, und ohne es selbst zu merken, war er wider seinen Willen eingeschlafen. Der Schlaf war stärker, er warf ihn nieder und hielt ihn fest. Er wollte dem Pawliukan etwas sagen, aber der Schlaf hielt ihm mit weicher Hand den Mund zu.
Der Traumgott hatte den Propst so in seiner Gewalt, daß Pawliukan ihn vergebens an den Schultern rüttelte, um ihn zum Essen einer vorzüglichen Grütze aus Buchweizen und frischen Pilzen aufzufordern. Tuberozow blinzelte nur mit den Augen: »Iß, mein Lieber, ich schlafe so süß,« — und lag alsbald in noch tieferem Schlummer.
So verzehrte Pawliukan sein Mittagessen allein und folgte dann dem Beispiel seines Vorgesetzten. Auch die Pferde wurden still, ließen die Köpfe hängen und schlummerten ein.
Ringsum schien alles in einem Zauberschlaf zu liegen. Eine so tiefe Stille herrschte, daß ein Hase, der aus der Waldestiefe hinausgesprungen kam und sich, leise mit dem Schnurrbart wackelnd, auf die Hinterbeine setzte, plötzlich ganz verlegen wurde und mit weit zurückgeworfenen Ohren eiligst wieder im Walde verschwand.
Tuberozow ertappte sich beim Erwachen dabei, daß seine Lippen mit großer Anstrengung die Worte »guten Tag« herausbrachten — allem Anschein nach als Erwiderung auf einen Gruß.
»Wen begrüße ich da? Wer war hier bei mir?« fragte er sich, den Schlaf abschüttelnd. Und es wollte ihn bedünken, als hätte soeben jemand neben ihm gestanden, kühl und still, in einem Gewande von der Farbe einer reifenden Pflaume … So deutlich empfand er alles, daß er sich schnell, auf den Ellbogen gestützt, aufrichtete, aber nur den schlafenden Pawliukan, seine braunen Pferde und den Wagen sah. Der langen Ruhe satt, suchte das Seitenpferd sich den Halfter vom Kopfe zu streifen. Es trat zur Seite, warf sich nieder, wälzte sich im Grase, stand wieder auf und reckte witternd den Hals. Tuberozow war noch immer im Halbschlaf. Das Pferd ging weiter, bückte sich nach dem dichten Grase am Waldrand und biß die Spitze eines jungen Eichbäumchens ab. Endlich kam es bis zu dem mit wildem Klee bewachsenen Grenzpfad und zog die warme Luft ein. Sawelij sah immer noch vor sich hin und konnte seinen Zustand nicht begreifen. Es war weder Schlaf noch Wachen. Die Feuchtigkeit seines Ruheplatzes schien ihn betäubt zu haben; ihm war, als wogten Dämpfe in seinem Kopf. Er rieb sich die Augen und blickte in die Höhe: droben im Blauen über seinem Kopfe schwebte ein Rabe. Oder war es ein Geier? Nein, es mußte ein Rabe sein. Er hielt sich fester und zog weitere Kreise … Jetzt kam es von oben herab wie eine hingeworfene Handvoll Erbsen: ku—urlu. So schreit nur ein Rabe. Wonach mag er spähen? Was will er? Vielleicht ist er des Kreisens müde und möchte von dem Wasser unten trinken. Tuberozow kam eine Legende in den Sinn, die sich auf diese Quelle bezog. Sie sollte einen wunderbaren Ursprung haben. Das reine durchsichtige Becken der Quelle glich einer in die Erde gegrabenen Schale von Kristall, welche einem Blitzstrahl ihre Entstehung verdankte, der vom Himmel kam und tief in das Innere der Erde drang. Gerade an der Stelle, wo vor sehr, sehr langer Zeit ein vom Kampf ermatteter russischer Held hingesunken sein sollte, den eine gewaltige Übermacht der Ungläubigen von allen Seiten umzingelte. Rettung schien für den Ritter, der allein war, ganz unmöglich. Er flehte zum Heilande, daß er ihn vor schimpflicher Gefangennahme bewahre. In demselben Augenblick, so berichtet die Sage, zückte aus völlig klarem Himmel ein Blitzstrahl nieder und sprang wieder in die Höhe. Ein Donnerschlag folgte, so gewaltig, daß die Rosse der Tataren in die Knie sanken und ihre Reiter abwarfen. Als sie sich erhoben, war der Ritter verschwunden. An der Stelle aber, an welcher er sich eben noch befunden, stieg, schäumend und wie tausend Diamanten glitzernd, ein mächtiger Strahl kalten Quellwassers in die Höhe; in wildem Zorn peitschte er die Wände des Erdkessels und als silbernes Bächlein floß er weiter über die grüne Wiesenfläche.
Ein Wunder dünkt diese Quelle allen und das Volk behauptet, ihrem Wasser sei eine Zauberkraft eigen, die selbst die Tiere und die Vögel kennen. Alle wissen das, allen ist es bekannt, denn alle fühlen hier die immerwährende geheimnisvolle Gegenwart des entrückten Glaubenskämpen. Hier tut der Glaube Wunder und darum ist alles hier so mächtig und so stark, vom Gipfel der hundertjährigen Eiche bis zum Pilz, der sich zwischen ihren Wurzeln verbirgt. Sogar das scheinbar ganz Abgestorbene wird hier wieder lebendig: Da steht der dünne, vertrocknete Haselstrauch; er ist vom Blitz gestreift, aber auf der Rinde, dicht über der Wurzel, bemerkt man, wie mit grünem Wachs aufgestrichen, ein »Peterskreuz«, und von hier wird bald ein neues Leben ausgehen … Ja, die Gewitter sollen hier böse sein, heißt es.
»Freilich, freilich, es gibt bekanntlich solche Gegenden mit außerordentlich starker elektrischer Spannung,« dachte Tuberozow, und es kam ihm vor, als bewegten sich die grauen Haare auf seinem Kopfe. Kaum war er aufgestanden, so erblickte er nur wenige Schritte entfernt ein kleines blaßgelbes Wölkchen, dessen Umrisse sich fortwährend veränderten, während es langsam den Grenzpfad entlang kroch, auf dem sich das freigekommene Pferd herumtrieb. Es schien direkt auf das Pferd loszusteuern. Aber als es bis zu ihm gekommen war, fing es plötzlich zu hüpfen an, wirbelte empor und zerflatterte, wie der Rauch aus einem Kanonenrohr. Das Pferd schnaufte wild und stürmte, kaum den Boden berührend, angsterfüllt vorwärts.
Tuberozow sprang hastig auf, weckte Pawliukan, half ihm auf das andere Pferd klettern und schickte ihn dem Flüchtling nach, von dem schon jede Spur verschwunden war.
»Beeil dich, hol es ein,« sagte Sawelij zum Subdiakon und warf einen Blick auf seine silberne Uhr: es war etwas über drei Uhr nachmittags.
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