Full Text - Section 7
»Ich schwindeln! Ihr sollt bald sehen, wie ich schwindle! Heut ist der vierte Juni, der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch, — notiert Euch das auch, denn mit diesem Tage geht es los.«
Der Diakon richtet sich auf den Ellenbogen noch höher auf und flüstert, sich fast bis zum Gürtel ins Fenster hineinschiebend:
»Ihr wißt wohl gar nicht, was der Lehrer Warnawka getan hat?«
»Nein, Freundchen, ich habe nichts gehört. Was hat der Tunichtgut denn getan?«
»Etwas Entsetzliches! Er hat einen Menschen im Topf gekocht.«
»Diakon, du lügst!« ruft die Pröpstin.
»Nein, er hat ihn gekocht!«
»Ganz gewiß, du lügst! Ein Mensch hat doch in einem Kochtopf nicht Platz.«
»Er hat ihn im Aschenkasten gekocht,« fuhr der Diakon unbekümmert fort, »und obgleich ihm diese greuliche Tat vom Polizeichef und vom Arzt gestattet war, wird er doch dafür meinen Händen ausgeliefert.«
»Diakon, du lügst. Das sind alles Lügen.«
»Nein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nicht eine Silbe ist gelogen,« erwiderte der Diakon mit heftigem Kopfschütteln und die Worte wirbelten noch schneller von seinen Lippen. »Warnawka hat tatsächlich einen Menschen mit Genehmigung der Obrigkeit, das heißt: des Arztes und des Polizeichefs, gekocht. Es war eine Wasserleiche. Aber dieser Gekochte quält jetzt ihn und seine Mutter, die Frau Hostienbäckerin, aufs grausamste, und ich habe das alles in Erfahrung gebracht und beim Polizeichef dem Vater Propst erzählt, und der Vater Propst hat dem Herrn Polizeichef dafür ein tüchtiges — ~coppe vachée~ heißt’s auf französisch — gemacht. Der Polizeichef hat gesagt: ›Ich will — sagt er — Soldaten holen und der Sache ein Ende machen.‹ Ich aber fügte dazu: ›Hol du nur deine Soldaten, ich bin selber Soldat!‹ Und von morgen ab, Euer Hochwürden, ehrenwerteste Frau Pröpstin Natalia Nikolajewna, werdet Ihr sehen, wie der Diakon Achilla den Lehrer Warnawka strafen wird, ihn, den Gotteslästerer, der die Lebenden irre macht und die Toten martert. Jawohl, heute ist der vierte Juni, der Gedächtnistag des heiligen Methodius von Pesnosch! Ihr solltet Euch das notieren …«
Hier wurde der Redestrom des Diakons Achilla plötzlich unterbrochen, denn aus der Ferne vom Hügel ließ sich ein Husten vernehmen, das nur vom Vater Propst kommen konnte.
»Halloh! Da kommt der Propst Sawelij!« ruft Achilla, springt vom Gesims auf die Erde und geht seines Weges.
Die Pröpstin erhebt sich, zündet zwei Kerzen an und blickt bei ihrem Scheine den eintretenden Gatten scharf an. Der Propst küßt die Frau leise auf die Stirn, nimmt die Kutte ab, zieht den weißen Schlafrock über, bindet das rote Seidentuch um den Hals und setzt sich ans Fenster. Die Pröpstin hat alles vergessen, was ihr eben noch der Diakon vorgeredet, und fragt den Gatten gar nicht danach. Sie geleitet ihn in das kleine längliche Nebenzimmer, das ihr als Schlafzimmer dient und wo sie jetzt den Abendimbiß für den Vater Sawelij bereitgestellt hat. Vater Sawelij setzt sich an den kleinen Tisch, verzehrt die zwei weichgekochten Eier, spricht sein Dankgebet und wendet sich dann seiner Frau zu, um ihr Gute Nacht zu sagen. Die Pröpstin selbst ißt abends nie etwas. Sie sitzt ihrem Gatten gegenüber und leistet ihm allerhand kleine Dienste, indem sie ihm bald etwas reicht, bald etwas fortträgt. Dann erheben sich beide, beten vor dem Heiligenbild und beginnen unmittelbar darauf, sich gegenseitig zu bekreuzigen. Diesen Abendsegen erteilen sie einander immer zu gleicher Zeit und mit solcher Gewandtheit und Geschwindigkeit, daß man sich nur wundern kann, wie ihre hin- und herwirbelnden Hände kein einziges Mal gegeneinander stoßen oder aneinander hängen bleiben.
Hierauf wechseln die Gatten den Abschiedskuß, wobei der Propst seiner kleinen Frau die Stirne, sie ihm aber das Herz küßt. Dann trennen sie sich. Der Propst geht in sein Wohnzimmer, um sich niederzulegen.
Aber heute konnte der Alte keine Ruhe finden. Schon war eine Stunde vergangen, und immer noch ging er auf und ab in seinem weißen Pikeeschlafrock, mit dem roten Seidentuch um den Hals. Endlich trat er an einen kleinen roten Schrank, der auf einer hohen Kommode mit abgezogener Platte stand. Aus diesem Schränkchen nahm er ein in dicken blauen Demi-Coton mit gelbem Juchtenrücken gebundenes Exemplar des »Kalenders« des Eugenios, legte das Buch auf den ovalen Tisch, der vor seinem Bette stand, zündete zwei Sparkerzen an und horchte auf: es schien, als ob seine Frau noch nicht schliefe. So war es auch.
»Willst du noch lesen?« fragte in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer die sanfte, besorgte Stimme der Pröpstin.
»Ja, liebe Natascha, ich will noch ein wenig lesen,« antwortete Vater Tuberozow. »Du aber tu mir den Gefallen und schlafe --«
»Gewiß werde ich schlafen, gewiß, mein Lieber,« erwiderte die Pröpstin.
»Ja, ich bitte dich, schlafe.« … Und mit diesen Worten setzte der Propst eine große silberne Brille auf seine stolze römische Nase und begann langsam in seinem blauen Buch zu blättern. Er las nicht, sondern blätterte nur, und dabei interessierte ihn nicht das, was in dem Buch gedruckt stand, sondern die von seiner eigenen Hand beschriebenen Einschaltblätter. Diese Notizen waren zu verschiedenen Zeiten gemacht und weckten in dem alten Priester eine ganze Welt von Erinnerungen, zu denen er hin und wieder gern zurückkehrte.
Da wir nun zwischen den Propst Sawelij und seine Vergangenheit geraten sind, wollen wir auch still und ehrfürchtig dem leisen Flüstern der Greisenlippen lauschen, das durch die dumpfe Stille der Mitternacht dringt.
Fünftes Kapitel.
Das Demi-Cotonbuch des Propstes Tuberozow.
Tuberozow betrachtete seinen Kalender von dem ersten Einschaltblatte an, auf dem zu lesen stand: »Nachdem ich am 4. Februar 1831 durch den Hochwürdigen Gawriil die Priesterweihe empfangen, erhielt ich von ihm dieses Buch als Belohnung für meine guten wissenschaftlichen Leistungen im Seminar und mein gutes Betragen.« Auf diese erste Notiz, die am ersten Tage nach der Ordination gemacht war, folgte als zweite: »Zum erstenmal im Dom gepredigt, nachdem der Bischof die Messe gehalten. Zum Thema der Predigt hatte ich das Gleichnis von den Söhnen des Weinbergsbesitzers genommen. Der eine sprach: ich gehe nicht, — und ging doch, der andere aber sprach: ich gehe, — und ging nicht. Ich bezog dieses auf die guten Handlungen und die guten Vorsätze, wobei ich mir einige Anspielungen auf die Beamten erlaubte, die ihren Diensteid ablegen und dann nicht einhalten. Dabei wies ich auch ganz vorsichtig auf die Machthaber und Vorgesetzten hin. Ich sprach fließend und weniger feierlich als natürlich. Seine Eminenz belobten diesen meinen Versuch. Aber später riefen Seine Eminenz mich zu sich und bemerkten nach einem allgemeinen Lobe meiner Rede im besonderen, daß ich mich hüten solle, in meinen Predigten direkt auf die Wirklichkeit hinzuweisen, vor allem aber die Herren Beamten aus dem Spiele lassen, denn je weiter man sie sich vom Leibe halte, desto gottwohlgefälliger sei das. Für das aber, was ich schon gesagt hatte, machte er mir keine Vorwürfe, sondern schien es sogar zu billigen.«
»1832 am 18. Dezember wurde ich zum Bischof gerufen und erhielt eine Ernennung nach Stargorod, wo das Schisma sehr stark sein soll. Ich erhielt die Weisung, ihm auf jede Art entgegenzuwirken.«
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