Full Text - Section 69
Die Toilette der jungen Damen nahm fast eine Stunde in Anspruch, und in dieser ganzen Zeit ließ sich auch die Postmeisterin nicht sehen.
»Das ist ein gutes Zeichen!« dachte Termosesow. »Gewiß studiert sie mein Opus.«
Endlich erschienen die Töchter in Begleitung ihrer Mutter. Termosesow maß die Postmeisterin mit einem schnellen, durchdringenden Blick. Sie strahlte vor Wonne und Begeisterung.
»Das Fischlein hat angebissen!« schloß er und verzehnfachte seine Liebenswürdigkeit. Um aber seiner Sache ganz sicher zu sein, fing er wieder von Literatur und von seinen Reiseskizzen an zu reden.
»Porträts! Um Gottes willen mehr Porträts! Mehr Naturstudien!« bat die Postmeisterin.
»Ja, eigentlich habe ich schon die ganze hiesige Gesellschaft porträtiert und — entschuldigen Sie — auch Ihrer und Ihrer Fräulein Töchter Erwähnung getan … Wissen Sie, so ganz flüchtig … Wenn ich meinen Brief zurückbekommen könnte, den ich eben aufgegeben habe …«
»Ach nein, wozu denn?« rief die Postmeisterin errötend.
»Angebissen, angebissen!« frohlockte Termosesow, und bestand darauf, den Damen vorzulesen, was er über sie geschrieben hatte. Eine Zeitlang hörte man im Zimmer nichts als: »Ach, wozu denn lesen, wir glauben Ihnen auch so!« und: »Ja, warum denn nicht lesen? Wodurch habe ich denn so großes Zutrauen verdient?«
Termosesows Einwände wirkten zu verführerisch auf die Neugier der Mädchen. Bald erbot sich die eine, bald die andere, ins Bureau zum Vater zu laufen und den interessanten Brief des Gastes zu bringen.
Vergebens suchte die Mutter sie durch Worte und Zeichen zurückzuhalten, die Mädchen verstanden sie nicht und gaben keine Ruhe. Termosesow dagegen hatte alles ausgezeichnet verstanden: der Brief befand sich in den Händen der Hausfrau, es galt jetzt nur noch, sie zur Rückgabe zu zwingen und sie dadurch selbst völlig in die Hände zu bekommen.
Ohne viel Bedenken sprang Termosesow von seinem Platz auf und stürzte diensteifrig, der Zurufe der Damen, die ihn zurückhalten wollten, nicht achtend, nach dem Postbureau: er sei, rief er, selbst nicht mehr imstande, sich den Genuß zu versagen, den Damen die bescheidene Darstellung seiner tiefen Bewunderung für sie vorzutragen.
Keine Bitten konnten ihn bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen. — Aber auf dem Bureau war kein Brief zu finden.
Zwölftes Kapitel.
Termosesow machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er zu den Damen zurückkehrte. Ihre Verwirrung aber war noch viel größer. Die Mädchen sprangen auf und liefen hinaus, um ihre Tränen zu verbergen, die infolge der ihnen von der Mutter gehaltenen Pauke reichlich flossen. Die Postmeisterin selbst blieb als Opferlamm im Salon.
Termosesow stellte sich schweigend vor sie hin und lächelte.
»Ich sehe Sie an,« sagte die Dame geziert, »und schäme mich.«
»Sie haben den Brief?«
»Die Versuchung war zu groß. Hier ist er.«
Termosesow nahm das versiegelte Kuvert aus ihrer Hand.
»Ich schäme mich ganz entsetzlich … aber was soll ich machen … ich bin ein Weib …«
»Ach, lassen Sie doch! Ein Weib! Um so besser, daß Sie ein Weib sind! Das Weib ist ein viel besserer Freund als der Mann und ich bin ein so vertrauensseliger Narr, daß ich wirklich warme aufrichtige Freundschaft … ich meine, weibliche Freundschaft sehr nötig habe! Jetzt habe ich mich an Herrn Bornowolokow angeschlossen … Wir sind schon lange Freunde und er ist auch jetzt mehr mein Freund als mein Vorgesetzter … wenigstens scheint es mir …«
»Ja, ich sehe, ich sehe, Sie sind sehr treuherzig und vertrauensselig!«
»Ich bin einfach ein Narr in dieser Beziehung! Ein völliger Narr! Ein kleines Kind kann mich nasführen!«
»Das ist aber nicht gut, gar nicht gut!«
»Was kann ich gegen meine Natur? Jemand, der meine Freundschaft mit Bornowolokow genau beobachtet hatte, sagte mir einmal: ›Paß auf, Ismail Petrowitsch, du bist zu leichtgläubig! Baue nicht zu sehr auf diese hinterlistige Freundschaft! Bornowolokow zeigt hinter deinem Rücken ein ganz anderes Gesicht, als du zu sehen gewohnt bist!‹ … Aber ich kann nicht anders — ich muß ihm glauben!«
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