Full Text - Section 66
»Und denke dir, Natascha!« schloß er, als er bemerkte, daß der Morgen graute und sein Kanarienvögelchen, eben erwacht, den Schnabel zu wetzen begann. »Denke dir, meine liebe Alte, daß er, der Tuganow, keines meiner Worte widerlegen konnte, daß er mir in allem recht gab, daß er selbst zugestand, wir stünden, wie die selige Marfa Andrejewna mal sagte, gleich Schnepfen im Sumpf. Der Schwanz ist zu lang und der Schnabel ist zu lang, und so wackeln wir hin und her: ziehen wir den Schnabel heraus, bleibt der Schwanz stecken; ziehen wir den Schwanz heraus, steckt der Schnabel im Sumpf. Das alles gab er zu, aber von der seelischen Erregung, die man in einer solchen Lage doch empfinden müßte, ließ er nichts merken … O diese entsetzliche Gleichgültigkeit!«
Natalia Nikolajewna schwieg.
»Zu guter Letzt nannte er mich noch einen Maniak! Sage bitte selbst, wieso und warum verdiene ich diesen Namen?« Sawelij dämpfte die Stimme. »Mich nennt er einen Maniak, und er selbst sagt … Ich meinte: alles, worauf ich hingewiesen hätte, seien vielleicht Kleinigkeiten, aber trotzdem so bezeichnend für den in unserer Gesellschaft herrschenden Geist, und wenn wir jetzt mit diesen Kleinigkeiten nicht fertig würden, wie sollen es unsere Machthaber werden, nachdem alles erst mal großgewachsen ist! Er antwortete mir in seinem mir so verhaßten spöttischen Tone, den wir Russen so gern anschlagen, mit einer Anekdote, die sehr gut paßte und die ich aus Rücksicht auf mein Amt nur dir allein erzählen kann: Ein Offizier kam einst in ein Quartier, wo er im Nebenzimmer ein wunderschönes Mädchen entdeckte. Er war von ihr so entzückt, daß er, wie das im Regiment Brauch ist, seinen Burschen rief und ihn fragte: ›Wie könnte ich wohl die Bekanntschaft dieser Schönen machen?‹ Der Bursche überlegte, und da er im Begriff war, Kohlen in den Samowar zu legen, rief er plötzlich: ›Hier riecht’s nach Rauch!‹ Der Offizier sprang auf und stürzte in das Zimmer seiner Nachbarin: ›Meine Gnädige, hier bei Ihnen riecht es nach Rauch. Ich komme, Sie und Ihre Schönheit aus dem Feuer zu retten!‹ Auf diese Weise machte er die gewünschte Bekanntschaft. Der Bursche aber erhielt ein Geldgeschenk und einen Schnaps. Als der Frauenjäger nach einiger Zeit in ein neues Quartier kam, wo er ebenfalls eine schöne Dame entdeckte, jedoch nicht nebenan, sondern im gegenüberliegenden Hause, — sagte er wieder zu seinem Burschen: ›Verhilf mir zu ihrer Bekanntschaft!‹ Der aber wußte nichts anderes zu antworten, als sein altes ›Hier riecht’s nach Rauch!‹ Da erkannte der Offizier, daß er sich zu Unrecht auf den Verstand seines Helfershelfers verlassen hatte und die erwünschte Bekanntschaft durch ihn nicht machen konnte. Jetzt merke, was das für ein Gleichnis ergibt: bei uns geziemt es sich für einen aufgeklärten Mann, daß er ungläubig sei, seines Vaterlandes spotte, die Menschen verachte, die Heiligkeit der Familienbande nicht gelten lasse, in seinen Mitteln nicht wählerisch sei; jene Schöne jedoch, die äußere Zivilisation, haben wir leicht gewonnen; allein jetzt gilt es, eine andere Schöne kennen zu lernen, jetzt, wo wir geistige Selbständigkeit zeigen sollen, … aber da sitzt die Schöne drüben am Fenster, und die Frage ist, wie kriegen wir sie? Da sehnen wir uns wohl und seufzen: ›Ach, wie könnten wir am leichtesten ihre Bekanntschaft machen?‹ Aber der ungeschickte Bursche weiß darauf nichts zu sagen, als: ›Hier riecht’s nach Rauch!‹ Doch was nützt es uns, wenn es nach Rauch riecht?«
»Ja,« sagte Natalia Nikolajewna und seufzte.
»Das ist es eben! Begreifst du es auch? Wer ist denn nun der Maniak? Ich, der ich alles klar sehe und mich deswegen beunruhige, oder jene, denen es ebenso klar ist, die sich aber den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen: ›Wir kommen noch so durch, und hinterher mag’s gehn, wie es will!‹ Heißt das nicht: ›Hier riecht’s nach Rauch!‹ Nicht wahr, meine Liebe?«
»Ja, Liebster, das Mädel stellt wohl den Samowar auf,« sagte Natalia Nikolajewna mit schläfriger Stimme.
Da begriff Tuberozow, daß er die ganze Zeit in die Luft gesprochen hatte, die keine Ohren für ihn hatte, und er senkte lächelnd sein weißhaariges Haupt.
Er gedachte der Worte, die einst die verstorbene Bojarin Marfa Plodomasowa zu ihm gesprochen: »Und bist du denn nicht einsam? Was sagt denn das, daß du eine gute Frau hast, die dich liebt? Was dich quält, wird sie doch nicht verstehen. Und so ist jeder, der weiter sieht als sein Bruder, einsam inmitten der Seinigen.«
»Ja, einsam, unsagbar einsam!« flüsterte der Alte. »Und es ist am stärksten zu fühlen, wenn man am innigsten verlangt, es nicht zu sein; denn … mag ich nun ein Maniak sein oder nicht … ich habe beschlossen, das nicht länger zu dulden, und was ich beschlossen, das vollbringe ich auch.« Leise stand der Alte vom Bette auf, um die Schlafende nicht zu stören, segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes, stopfte dann seine Pfeife und ging in den Hof hinaus, um sich vor dem Hause niederzusetzen.
Achtes Kapitel.
Tief in Gedanken versunken saß der alte Mann. Die dünnen Tabakswölkchen, die sich von seinem weißen Schnurrbart lösten und in der Luft zerflatterten, glänzten bernsteinfarbig im Lichte der aufgehenden Sonne. Die Hühner flogen von ihren Stangen herunter, kamen aus dem Stall, schüttelten sich und strichen ihr Gefieder. Jetzt klang von der Brücke die Lindenholzflöte des Hirten herüber, am Ufer klirrten die leeren Eimer, mit denen ein barfüßiges Weib nach Wasser ging; überall hörte man die Kühe brüllen, und die eigene Dienstmagd des Propstes kam gähnend, das Zeichen des Kreuzes über dem weitaufgerissenen Munde machend, aus dem Stall und trieb die Kuh mit einer Gerte vor sich her. Drinnen am Fenster sang der Kanarienvogel aus voller Kehle.
Im vollen Glanze war der junge Tag erschienen.
Vom Dom her ertönte der erste Glockenschlag.
Vor dem Pförtchen erschien eine junge Zigeunerin mit einem Kinde an der Brust, einem zweiten auf dem Rücken und dreien, die sich an ihre zerlumpten Kleider klammerten.
»Gib mir was, frommer Vater, gib mir was, du Glücklicher, Segensreicher!« bettelte sie den Propst an.
»Was soll ich dir geben, du Unglückliche, Ungesegnete? Meine Frau schläft, und ich habe kein Geld bei mir.«
»Gib mir etwas, was du nicht brauchst, dafür soll dir Ehre und Glück werden.«
»Was brauche ich denn nicht? Halt! du hast recht gesprochen! Ich hab' hier etwas, was ich nicht brauche!«
Und Tuberozow ging ins Zimmer und brachte seine sämtlichen Pfeifen heraus, den perlengestickten Tabaksbeutel und die Blechschachtel, in welche er die Asche zu schütten pflegte. Alles gab er der Zigeunerin und sagte:
»Da, du Zigeunerweib, bring das deinem Mann, ihm steht es besser zu.«
Natalia Nikolajewna schlief noch immer. Der Propst schrieb sich die Schuld zu, weil er sie durch seine lange Abwesenheit und seine Reden am Einschlafen gehindert hatte. Zwar hatte sie ihm nicht zugehört, aber ihre Ruhe hatte er doch gestört.
Er ging in den Stall und gab seinen zwei kleinen braunen Pferden selbst die doppelte Portion Hafer. Dann wollte er leise über den Hof ins Haus, als er plötzlich den Botengänger des Akziseeinnehmers Biziukin durch das Pförtchen kommen sah, welcher ein Buch unter dem Arm hatte.
Der Propst nahm das Buch, schlug es auf und wurde ganz rot im Gesicht. Im Buch lag ein Schreiben mit folgender Aufschrift: »An den Propst des Stargoroder Kirchspiels, Oberpfarrer Sawelij Tuberkulow.« Das Wort »Tuberkulow« war flüchtig durchstrichen und darüber geschrieben »Tuberozow«.
»Es wird um sofortige Empfangsbestätigung gebeten,« sagte der Bote.
»Wer hat drum gebeten?«
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