Full Text - Section 59
Dieser Augenblick erschien dem Lehrer willkommen, und er warf schnell ein, die unruhigen Köpfe unter der Geistlichkeit seien die Denunzianten; das religiöse Gewissen aber müsse frei sein. Unvorsichtigerweise antwortete Tuganow darauf, Gewissensfreiheit sei allerdings notwendig und es sei sehr zu bedauern, daß man sie in Rußland noch nicht habe.
»Ja, und unsere arme Kirche wird deshalb von allen Seiten mit unverdienten Vorwürfen überschüttet,« fügte Tuberozow hinzu.
»Worüber habt Ihr Euch denn zu beklagen?« fiel ihm Prepotenskij lebhaft ins Wort.
»Wir beklagen uns über die Unduldsamkeit,« erwiderte Tuberozow trocken.
»Ihr leidet darunter ja nicht.«
»O doch. Bitter leiden wir. Ihr predigt laut und frei, den Glauben solle man abschaffen, und es geschieht euch nichts dafür. Wenn aber wir auch nur ganz leise sagen, es wäre besser, eure Lehren würden nicht überall verkündigt, so …«
»Ach — so meint Ihr das!« unterbrach ihn der Lehrer. »Ihr wollt gegen uns hetzen, damit man uns den Garaus macht.«
»Nein, Ihr wollt uns den Garaus machen.«
Prepotenskij wußte nicht, was er antworten sollte. Leugnen wollte er es nicht, fürchtete sich jedoch, es einfach zuzugeben. Tuganow half ihm aus der Schwierigkeit und erklärte, der Vater Propst sei nur ungehalten darüber, daß es Leute gebe, die es sich zur Aufgabe machten, schlichte Herzen um ihren Glauben zu bringen.
»Am meisten aber bekümmert mich, daß es ihnen gelingt, weil man ihnen Vorschub leistet.«
Prepotenskij lächelte.
»Es gelingt,« sagte er, »weil der Glaube ein Luxus ist, der dem Volk sehr teuer zu stehen kommt.«
»Wohl nicht teurer als der Suff,« sagte Tuganow kühl.
»Ja, aber die neuen Menschen,« — fing der Lehrer wieder an.
»Taugen nichts, und eben deshalb ist der Teufel los.«
»Weil die Spione ihnen ins Handwerk pfuschen.«
»Ach wo! Einfach Halunken sind es.«
»Halunken?«
»Jawohl. Immer noch, wenn es irgendwo eine Gärung gegeben hat, haben sich zu guter Letzt Halunken der Bewegung bemächtigt, weil sich im Trüben gut fischen läßt. Da hat man sich bei uns so lange mit diesen … Nihilisten — so heißen sie doch wohl — geplagt. Erst schlug sich die Regierung mit ihnen herum, Gesellschaft und Presse sind heute noch nicht mit ihnen fertig geworden, — Schluß mit ihnen machen werden aber die Halunken, die sich ihnen zum Schein anschließen, um ihnen später den Hals umzudrehen, und dann kommt die große Wendung der Dinge.«
Prepotenskij warf einen ängstlichen Blick auf die Biziukina. Es verwirrte ihn, daß Tuganow seine kühnen Tiraden so einfach in nichts auflöste, wie der Frühlingsnebel die Schneeflecken auf dem Felde verschlingt. Warnawa suchte Hilfe und wandte seine Blicke deshalb Termosesow zu, welcher aber nicht zu ihm hinüberschaute. Der Diakon Achilla, der schon lange vergeblich versuchte, dem Lehrer durch Zeichen zu verstehen zu geben, daß er schweigen solle, rief jetzt laut:
»Halt den Mund, Warnawa Wasiljewitsch, es ist langweilig!«
Der Lehrer geriet in Wut, besonders als auch Tuganow sich von ihm abgewandt hatte. Er wollte deshalb die Bombe zum Platzen bringen.
Viertes Kapitel.
Prepotenskij sprang von seinem Platz auf und lief auf Tuganow zu, der sich wieder mit dem Propst unterhielt.
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche … Aber ich … ich stehe für die Freiheit.«
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