Full Text - Section 58
Hierauf drückten sie einander die Hände und Achilla lud Termosesow ein, es sich in dem Lehnsessel, hinter dem er stand, bequem zu machen. Termosesow jedoch lehnte diese Ehre höflich ab und setzte sich auf den zunächst stehenden Stuhl, während Prepotenskij, den hergebrachten Anschauungen seiner »Richtung« treu bleibend, sich möglichst weit entfernte, um gegenüber der weitgeöffneten Saaltür Platz zu nehmen.
Hiermit wollte er erstens andeuten, daß er mit der Gesellschaft im Wohnzimmer nichts gemein habe, und dann konnte er von seinem Platz aus die Biziukina sehen, welche alles hören sollte, was er sagte. Der Lehrer empfand die dringende Notwendigkeit, sein Ansehen wieder zu heben, welches durch das Erscheinen Termosesows stark beeinträchtigt worden war, und wartete auf eine günstige Gelegenheit, Streit vom Zaun zu brechen und der Biziukina, wenn auch nicht die Überlegenheit seines Geistes, so doch wenigstens die Reinheit seiner Überzeugung zu beweisen. Und da derjenige, welcher Streit sucht, in jedem Wort einen willkommenen Anlaß erblickt, so brauchte Warnawa auch nicht lange in Schweigen zu verharren.
Drittes Kapitel.
Beim Eintreten der neuen Gäste erzählte der Adelsmarschall Plodomasow dem Propst gerade von den jüngsten Reformen im Kirchenwesen.
»Seine Eminenz ist ein Mann von großen Geistesgaben,« meinte der Propst.
»Und auch ein großer Humorist,« bemerkte Tuganow. »Wir haben hier einen ungeheuer arroganten Gendarmenoffizier, der sich einbildet, alles zu können.«
»Das ist immer so, die Gendarmen können alles,« fiel Prepotenskij ein, ohne daß man auf ihn achtete.
»Dieses Herrchen hatte in Erfahrung gebracht,« fuhr Tuganow fort, »daß bei unserm Bischof noch nie jemand zu Mittag gespeist hätte, — und wettete im Klub mit dem Polizeimeister, er werde schon mal bei dem Alten essen. Ausgerechnet muß der Bischof Wind davon bekommen.«
»O weh, o weh!« sagte Zacharia gedehnt.
»Besagter Kavallerist macht also Seiner Eminenz seinen Besuch am frühem Morgen und geht einfach nicht fort. Als es bereits sechs Uhr vorüber ist, kann er’s natürlich vor Hunger nicht mehr aushalten und will sich verabschieden. Aber der schweigsame Bischof, der ihm die ganze Zeit zugehört hatte, ohne selbst zu reden, meinte sehr freundlich: ›Wollen Sie nicht zum Essen bleiben?‹ Na, denkt er, die Wette ist gewonnen! Aber der Bischof ließ ihn noch eine Stunde hungern, ehe es zu Tische geht.«
»Das war doch unnütz,« warf Zacharia ein, »ganz unnütz.«
»Warten Sie nur. Sie treten also ins Eßzimmer ein. Der Bischof bleibt vor dem Gottesbilde stehen und beginnt zu beten, — ein Gebet, dann noch eins, und ein drittes. — Es vergeht wieder eine ganze Stunde und der hungrige Gast ist fast dem Verenden nahe. ›So, nun kann das Essen aufgetragen werden,‹ sagt Eminenz endlich. Und zwei winzige Teller mit Erbsensuppe und Zwieback werden gebracht. Als sie verzehrt sind, erhebt sich der Bischof wieder und sagt: ›Danken wir jetzt dem Herrn, der uns gesättigt hat.‹ Das ward dem Kriegsmann denn doch zu viel, und während der Bischof betete, schlich er sich unbemerkt aus dem Zimmer. Der Alte erzählte es mir gestern: ›Dieser Geist läßt sich durch nichts austreiben, es sei denn durch Beten und Fasten,‹ schloß er.«
»Er ist ein Mann von Geist und von feinem und angenehmem Benehmen,« sagte Tuberozow, dem diese Anekdötchen wenig Freude zu machen schienen.
»Ja, aber er klagt und jammert auch, es gäbe keine Leute. ›Wir fahren über ein tiefes Meer,‹ sagt er, ›auf schwankem Schiff mit trunkenen Matrosen. Gott bewahre uns vor einem Sturm.‹«
»Ein bitteres Wort,« warf Tuberozow ein.
»Übrigens,« begann Tuganow von neuem, »meinte er, Euere Stadt mache ihm keine Sorgen. ›Ich habe dort zwei Popen,‹ bemerkte er, ›der eine ist klug und der andere fromm.‹«
»Der Kluge ist Vater Sawelij,« bestätigte Zacharia.
»Wieso meint Ihr, daß gerade Vater Sawelij der Kluge sei?«
»Weil … weil er weise ist,« erwiderte Zacharia verlegen.
»Und Vater Zacharia ist in die zweite Reihe gerückt,« fiel der Diakon ein.
Tuberozow sah mit einem mißbilligenden Kopfschütteln zu ihm hinüber.
Um seine Taktlosigkeit wieder gut zu machen, fuhr Achilla schnell fort:
»Seine Eminenz haben den Vater Zacharia fromm genannt, weil sich noch nie jemand über den Vater Zacharia beschwerte.«
»Ja, beschwert hat sich noch niemand,« seufzte Zacharia.
»Der Vater Sawelij aber ist ein unruhiger Kopf,« scherzte Tuganow.
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