Full Text - Section 57
»Wieso bin ich ein Maniak?«
»Was drängst du dich den Leuten auf und läßt niemand seine Ruhe? Ideal! Glauben! Was soll man tun, guter Freund, wenn die Zeit dafür vorüber ist?«
Tuberozow lächelte, seufzte leise und antwortete, nicht die Zeit des Glaubens und der Ideale sei vorüber, sondern die Zeit der Worte.
»Nun, so vollbringe Taten, Freund.«
»Auch Taten sind noch nicht genug.«
»Was brauchen wir denn?«
»Großtaten.«
»So vollbringe Großtaten. Aber in welcher Art?«
»Im Geiste der Kraft, im Wehen des Sturmes. Daß die, so das Feuer löschen wollen, selber von der Flamme ergriffen werden.«
»Ja, ja, du willst wieder streiten. Halt lieber Frieden, Vater.«
»Parmen Nikolajewitsch, ich höre so viel von diesem Frieden reden. Aber wie soll man Frieden schließen mit einem, der gar nicht um Pardon bittet? So ein Frieden taugt nicht viel, und unsere Altvordern sagten nicht umsonst: ›Eh du den Gevatter nicht verprügelt hast, kannst du ihm keinen Friedenstrunk reichen‹.«
»Ohne Prügel geht’s bei ihm nicht.«
»Gewiß nicht, Freund.«
»Du bist noch der richtige Seminarist.«
»Ich will auch gar nicht den großen Herrn spielen.«
»Sag mal, willst du durchaus leiden? Das tut man nicht einer Kleinigkeit wegen. Spare deine Kräfte für eine bessere Sache.«
»Sparsame Leute gibt es ohne mich genug. Ich muß meine Pflicht erfüllen.«
»Der letzte wäre ich, der dich abhielte, deine Pflicht zu erfüllen, wie dein Gewissen sie dir vorschreibt. Geh hin und versuch es, die Schamlosen zu beschämen. Wenn du es kannst, heißest du Hans. Aber jetzt laß uns zu den Gastgebern gehen. Ich muß bald fort.«
Der Propst folgte ihm. Er versuchte sich zusammenzunehmen, war aber sehr entmutigt. Er hatte etwas ganz anderes von dieser Zusammenkunft erwartet, ohne sich wohl selbst sagen zu können, was eigentlich.
Zweites Kapitel.
Die beiden alten Herren saßen schon in dem kleinen Wohnzimmer, als die Hausfrau Warnawa und Termosesow hineinführte. Die Mehrzahl der andern Gäste befand sich im Saal. Man plauderte, spielte Klavier und versuchte zu singen. Die Biziukina, welche sich sonst überall zu Hause fühlte, hatte nicht den Mut, ihren Kavalieren ins Wohnzimmer zu folgen; da ihr andererseits die Gesellschaft der Damen nicht sympathisch war, nahm sie nahe der Tür Platz.
Das Wohnzimmer war ein schmaler Raum. Auf dem Sofa vor dem Tisch saßen Tuganow und Tuberozow, während der sanfte Benefaktow, Darjanow und der Kreisadelsmarschall Plodomasow auf Stühlen Platz genommen hatten. Achilla stand hinter einem leeren Sessel und stützte die Hand auf die Lehne. Die Biziukina bemerkte, wie Termosesow das Zimmer betrat, sich höchst ehrerbietig verneigte, und — was wohl keiner für möglich gehalten hatte — plötzlich auf Tuberozow zuschritt und um seinen Segen bat. Am meisten erstaunt darüber war wohl Vater Sawelij selbst. Er wußte im ersten Augenblick nicht recht, was er tun sollte, und als er dem Gast den erbetenen Segen erteilte, sah man ihm die Verwirrung deutlich an. Als Termosesow aber seine Hand küssen wollte, verlor der Propst so vollkommen die Fassung, daß er mit einer schnellen, energischen Bewegung Termosesows Hand nach unten zog und so fest drückte und schüttelte, als wäre es die Hand seines besten Freundes.
Termosesow bat auch Zacharia um seinen Segen, und der sanfte Benefaktow erwies sich diesmal findiger als Tuberozow. Er erteilte dem Gast nicht nur den Segen, sondern schob auch ganz ungeniert sein gelbes Händchen an den Mund des Abenteurers.
Einmal im Zuge, ging Termosesow nun noch auf Achilla zu, um sich von ihm auch segnen zu lassen. Aber dieser machte einen gewandten Kratzfuß und meinte:
»Ich bin bloß Diakon.«
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