Full Text - Section 56
»Ich hab' schon einmal klagen wollen, als der fürstliche Verwalter Glitsch mich mit Nesseln auspeitschen ließ, weil ich auf die Wette des Polizeichefs hin sein Pferd stehlen wollte. Damals rieten alle mir ab. Klage nicht, Danilka, sagten sie, denn dann kommt es zu einer großen Untersuchung, und dann sagen wir alle, daß du längst schon in Sibirien sein müßtest. Ja, und ich kannte mich selber zu gut, um zu wissen, daß ich kein Recht mehr habe, meine Ehre zu verteidigen.«
»Wie du über deine Ehre denkst, das kommt hier gar nicht in Betracht.«
»Und die hiesigen Herren Beamten wissen auch …«
»Deine hiesigen Herren Beamten mögen wissen, was sie wollen, wir sind aber keine hiesigen, wir sind aus Petersburg. Verstehst du das? Aus der Residenz, aus Petersburg! Und ich befehle dir: sofort unterschreibst du, du gottverdammtes Luder, ohne alle Widerrede, sonst … sonst fliegst du auch ohne Untersuchung nach Sibirien.«
Und der bärenstarke Termosesow drückte mit der Rechten die Hand und mit der Linken die Kehle des Kommissars so kräftig zusammen, daß Danilka im Nu rot wurde, wie ein gekochter Krebs, und kaum noch hörbar röchelte:
»Um Gottes willen, lassen Sie mich los! Ich unterschreibe ja alles!«
Ächzend und hustend setzte er seine Krakelfüße unter das Gesuch.
Termosesow steckte das Papier in die Tasche, hielt Danilka die Faust unter die Nase und sagte drohend:
»Bürger, wenn du dich irgendwie vor der Zeit verplapperst, daß du dich beschwert hast …«
Danilka, der immer noch hustete, machte nur eine abwehrende Bewegung mit der ganz erstarrten Hand.
»… Dann schlag ich dir die ganze Fratze zu Brei, multipliziere die Wangen, subtrahiere die Nase und verwandle die Zähne in Brüche!«
Der Kleinbürger winkte mit beiden Händen ab.
»Jetzt hast du aber genug gekrächzt! ~Allez, marchez~ zur Tür hinaus!« kommandierte Termosesow, schob den Haken von der Tür zurück und gab Danilka auf der Schwelle einen so kräftigen Stoß, daß er über den an das Haus angebauten Hühnerstall hinwegflog und auf den warmen Rasen zu sitzen kam. Er sah sich nur noch einmal um, spuckte aus und rollte dann auf allen vieren zum Tor hinaus. Er hustete nicht einmal mehr.
Prepotenskij war von dieser Kraftprobe so entzückt, daß er laut applaudierte.
»Was fällt dir ein?« fragte Termosesow.
»Sie sind stärker als Achilla! Jetzt brauch' ich ihn nicht mehr zu fürchten!«
»Das brauchst du auch nicht.«
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
Als Termosesow und seine Genossen beim Polizeichef erschienen, hatte Tuberozow schon eine Stunde abseits von den übrigen Gästen mit dem Adelsmarschall Tuganow geplaudert. Der alte Propst brachte dem vornehmen Gaste wieder all die Klagen vor, welche wir in seinem Tagebuche gelesen haben, — und erhielt die alten Scherzworte zur Antwort.
»Was soll aus dieser Zerrüttung noch werden?« fragte der Propst und runzelte die Brauen. Der Adelsmarschall aber erwiderte ihm lachend:
»Wer kann wissen, was noch werden wird, mein Lieber?«
»Ohne Ideale, ohne Glauben, ohne Achtung vor den Taten der großen Vorfahren … Das … das muß Rußland zugrunde richten.«
»Nun, wenn es zugrunde gehen soll, wird es eben zugrunde gehen,« sagte Tuganow gleichgültig und stand auf. »Aber weißt du, — gehen wir wieder zu den Gästen. Unser Gespräch führt doch zu nichts. Du bist ein Maniak.«
Der Propst trat einen Schritt zurück und sagte gekränkt:
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