Full Text - Section 50
»Ich sagte: ›Eure Durchlaucht, gnädigster Fürst! So geht man mit alten Kameraden nicht um, — daß man sie nämlich fallen läßt. Nur Lumpen handeln so.‹ Habe ich Ihnen das gesagt oder nicht?«
»Ja, Sie haben das gesagt.«
»Aha, Sie erinnern sich noch! Nun, dann müssen Sie sich auch noch erinnern, wie ich Ihnen meine Gedanken weiter entwickelte und bewies, daß Sie als unser heutiger Prinz Egalité nicht das Recht haben, auf Ihre Herkunft und Ihre bevorzugte amtliche Stellung zu pochen und über uns alte Montagnards, Ihre einstigen Freunde, die Nase zu rümpfen. Ich habe Ihnen das alles haarklein auseinandergesetzt.«
»Ja, ja.«
»Schön! Sie verstanden, daß mit mir nicht gut Kirschen essen ist, und zeigten sich sehr nachgiebig. Dafür lob' ich Sie. Sie begriffen, daß Sie mich nicht so am Wege liegen lassen durften, denn Hunger ist ein böser Berater, und einem Hungrigen fällt alles mögliche ein. Termosesow hat zudem noch ein vorzügliches Gedächtnis und einen scharfen Riecher. Als Sie noch ein feuerroter Umstürzler waren, wußte er schon, daß Sie bestimmt mal Kehrt machen würden.«
»Ja.«
»Sie beschlossen, mich als Ihren Sekretär mitzunehmen … Das heißt, um der Wahrheit die Ehre zu geben und Sie nicht durch Schmeichelei zu kränken, Sie entschlossen sich nicht selbst dazu, sondern ich zwang Sie, mich mitzunehmen. Ich machte Ihnen Angst, ich könnte Ihre Korrespondenz mit gewissen Freunden an der Weichsel bekannt geben.«
»Ach!«
»Tut nichts, mein Fürst, seufzen Sie nicht. Was ich Ihnen damals in Moskau auf der Sadowaja sagte, als ich Sie am Rockknopf festhielt und Sie vor mir davonlaufen wollten, das sag' ich Ihnen auch heute wieder: seufzen Sie nicht und jammern Sie nicht, daß Termosesow über Sie gekommen ist. Ismail Termosesow wird Ihnen noch einen großen Dienst leisten. Sie und Ihre gegenwärtige Partei, in der keine solchen Halunken zu finden sind wie Termosesow, sondern viel feinere Kunden, gründen Zeitungen und suchen auf diese oder jene Art Fühlung mit dem Volk zu gewinnen.«
»Ja.«
»Das wird Ihnen aber nie gelingen.«
»Warum nicht?«
»Weil ihr ungeschickt seid. Die Patrioten erkennen euch sofort an den Klauen, packen euch am Schopf und schmeißen euch auf die Gasse hinaus.«
»Hm!«
»Jawohl! Aber laßt ihr die Zeitungen schwimmen und haltet euch an Termosesow, so deichselt er euch die ganze Geschichte glänzend. Seien Sie mein Märchenprinz Iwan, so will ich Ihr grauer Wolf sein.«
»Ein Wolf sind Sie schon.«
»Das ist es eben. So ein grauer Wolf schafft Ihnen die goldmähnigen Rosse und den Feuervogel und die Prinzessin und setzt Sie zu guter Letzt auf den Königsthron.«
Und damit sprang der graue Wolf von seiner Lagerstätte auf, lief an das Bett seines Prinzen Iwan und sagte leise:
»Rücken Sie mal ein bißchen zur Wand, ich will Ihnen was ins Ohr flüstern.«
Bornowolokow gehorchte, und Termosesow setzte sich auf den Bettrand, legte seinen Arm um den Fürsten und fing mit leiser Stimme an:
»Versetzen Sie mal der Kirche eins. Da steckt das Gift! Jagt ihren Bonzen mal einen heilsamen Schrecken ein.«
»Ich verstehe nichts.«
»Das Christentum macht die Menschen doch gleich, nicht wahr? Es hat doch Staatsmänner genug gegeben, die in der Übersetzung der Bibel in die Volkssprache eine Gefahr sahen. Nein, das Christentum … man kann es sehr leicht … wissen Sie, in gefährlichem Sinne auslegen. Und solch ein Ausleger kann jeder beliebige Pope sein.«
»Das klingt ganz plausibel.«
»Na also. Danken Sie Ihrem Schicksal, daß es Ihnen Termosesow gesandt hat! Ich stelle Ihnen einen Bericht zusammen, daß sogar Ihre Feinde Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Sie für ein administratives Genie erklären.«
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