Full Text - Section 46
»Bereiten Sie ihn für den Staatsdienst vor. Daß er nur keine literarischen Neigungen kriegt! Sehn Sie mich an. Ich dürfte eigentlich gar nicht Staatsbeamter sein, aber durch Hintertüren und auf Hintertreppchen hab' ich mich doch rangeschlängelt. Jawohl! Und bin doch früher selbst Nihilist gewesen und ärgerte mich sogar über Ihren Mann, als er Akzisebeamter wurde. Dumm war das! Warum soll unsereins nicht Staatsbeamter sein? Als Beamter kann man sich beliebt machen, als Beamter hat man Geld, als Beamter gewinnt man Einfluß, — das ist etwas ganz anderes als die blöde Schriftstellerei. Dort muß man noch Talent haben, hier aber wird es nur störend empfunden. Als Staatsbeamter kann ich die Leute sortieren. Was bist du für ein Kerl? — Du kommst hierher. Und du bist so einer? — Du kommst dahin. Du bist keiner von den unsern? So zwing' ich dich, ersticke dich, zerbreche dich, — und der Staat muß mich dafür bezahlen. — Na, was starren Sie mich so an? Es kommt Ihnen wohl sonderbar vor, was ich da aus der Praxis erzähle?«
Die verblüffte Hausfrau schwieg, der Gast aber fuhr fort:
»Ihr richtet hier Schulen ein, — na ja, wenn man sich an die landesübliche Schablone der roten Hähne halten wollte, müßte man das loben, aber Termosesow als praktischer Mensch tut das nicht. Termosesow sagt: Zum Teufel mit den Schulen, sie sind vom Übel; wenn das Volk zu lesen versteht, nimmt es die heiligen Bücher vor. Sie glauben, die Bildung gehört zu den zerstörenden Elementen? Keineswegs. Sie ist ein aufbauendes Element, wir aber wollen vor allem zerstören.«
»Es heißt doch aber, eine Revolution wäre jetzt bei dem Bildungsstand unseres Volkes nicht möglich,« wagte die Hausfrau einzuwerfen.
»Zu was Teufel brauchen wir sie denn, die Revolution, wenn es auch ohne Revolution ganz nach unsern Wünschen geht? Aber sehn Sie, da steht Ihr Söhnlein und spitzt die Ohren. Warum erlauben Sie ihm zuzuhören, was die Erwachsenen reden?«
»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Dame.
»Nicht Ihr Sohn? Wer ist es denn?«
»Ein Diener.«
»Ein Diener! Und so herausstaffiert! Fix, Waschwasser, du Teufelsbraten!«
»Ist schon fertig,« antwortete Jermoschka schroff, wie es ihm vorgeschrieben war.
»Warum hast du es denn nicht gleich gesagt? Marsch hinaus!«
»Das ist nun ein wahrhaft kluger Mensch,« dachte Frau Daria Biziukina, als sie wieder allein geblieben war, und starrte unverwandt nach der Tür, durch die Termosesow hinausgegangen war. »Alle andern sind so streng, — dies kann man nicht und das soll man nicht, hier aber ist alles erlaubt, alles möglich, und doch fürchtet dieser Mann sich vor nichts. Mit so einem Mann zu leben wäre leicht; ja es wäre süß, sich ihm zu unterwerfen.«
Der arglistige Fremde hatte das Herz Darias völlig erobert. Alles an dem Gaste begann ihr zu gefallen. Was hatte er für eine Stimme! Wie stark war er! Überhaupt, — was war er für ein Mann! … Wie entzückend war er! Kein Seladon, wie ihr Gatte; kein Trantopf, wie Prepotenskij, — nein, er war entschlossen, unbeugsam, ein ganzer Mann … Der würde nie nachgeben! Er war wie der Sturmwind … er kommt … reißt fort … vernichtet …
Wo bist du nun, du armer Akziseeinnehmer? Juckt dir nicht schon die Stirn wie einem jungen Böcklein, dem die Hörner wachsen wollen?
Neuntes Kapitel.
Zu den Ohren der verliebten Biziukina war aus dem Kabinett längst schon bald ein sanftes Entenplätschern, bald ein wildes Spritzen und seltsames Gurgeln gedrungen. Plötzlich jedoch war alles still geworden und immer noch zeigte sich Termosesow nicht. Hatte er denn wirklich so viel mit diesem wortkargen Fürsten zu reden? Oder schlief er? … Das konnte der Fall sein, denn die Reise mußte ihn ermüdet haben. Oder las er vielleicht? Was konnte er lesen? Und was brauchte er zu lesen, wenn er selbst klüger war als alle Bücherschreiber? … Aber während sie so grübelte, ging die Tür auf und auf der Schwelle erschien Jermoschka mit einer Waschschüssel voll Seifenwasser. Er schloß die Tür nicht hinter sich, so daß Daria Nikolajewna ins Zimmer hineinsehen konnte. Ganz hinten am Fenster entdeckte sie die schmächtige Figur des Fürsten. Dicht vor ihm, etwas näher zur Tür, erhob sich der fleischige Torso Termosesows. Beide, der Revisor und sein Sekretär, waren im Negligé. Bornowolokow in Beinkleidern und einem schneeweißen Hemde aus holländischer Leinwand, über das sich kreuzweise die zwei roten Streifen der seidenen Hosenträger legten. Sein kleines blondes Köpfchen war glatt gekämmt, und er bemühte sich, es mit Hilfe einer Metallbürste noch mehr zu glätten. Termosesows Gestalt zeigte sich in ihrer ganzen plastischen Vollendung, der Kragen seines Hemdes war aufgeknöpft und die weit über den Ellbogen aufgeschürzten Ärmel ließen die muskulösen, dicht behaarten Arme deutlich erkennen.
Mit diesen Armen hob Termosesow ein langes russisches Handtuch, an dessen Enden rote Hähne gestickt waren, und bearbeitete damit seine sich wild sträubenden nassen Haare aufs kräftigste.
Aus der Energie, mit welcher der liebenswürdige Ismail Petrowitsch dieses Geschäft betrieb, ließ sich ohne weiteres erraten, daß die fröhlichen, machtvollen und ungenierten Fiorituren, die eben noch durch die geschlossene Tür bis in den Saal gedrungen waren, von Termosesow herrührten, während Bornowolokow nur wie eine Ente zischen und plätschern konnte. Der zurückkehrende Jermoschka, welcher die Tür zuschlug, zerstörte das holde Bild.
Aber Termosesow hatte genügend Zeit gehabt, um das Feld mit seinem Adlerblick zu überschauen, und er ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, die Hausfrau durch sein Erscheinen ohne den Fürsten zu erfreuen. Er warf schnell seinen weiten Mantel über seine höchst unvollkommene Toilette und stieß den armen Jermoschka, ihn am Ohr packend, ins Vorzimmer hinaus mit den Worten:
»Daß du deine Nase hier nicht zu zeigen wagst, bis ich dich rufen werde!«
Dann schloß er die Tür zum Kabinett, in dem sich der Fürst noch befand, und setzte sich in seinem immerhin recht seltsamen Kostüm ungeniert neben die Hausfrau.
»Hören Sie mal, Biziukina, so geht das nicht, Herzchen,« fing er an und faßte sie ohne weiteres bei der Hand. »Sie haben Ihren Lausbuben gar zu sehr verwöhnt. Ich nannte ihn ein Ferkel, weil er dem Fürsten die Ärmel beplantscht hatte, worauf er mir: ›Meine Mutter ist keine Sau, sondern eine Frau!‹ antwortete. Daran sind Sie natürlich schuld, Sie haben ihn so emanzipiert, nicht wahr?«
Und mit völlig veränderter Stimme fuhr er zärtlich fort: »Sie sind es? Ja? Sagen Sie — ja?« Dieses Ja wurde in einem Ton gesagt, der das Herz der Biziukina erschauern machte. Sie begriff, daß die gewünschte Antwort gar nicht der gestellten Frage galt, sondern einer unausgesprochenen, deren heimlicher Sinn sie durch seinen Realismus geradezu erschreckte, und darum schwieg sie. Aber Termosesow ließ nicht locker.
»Ja oder nein? Ja oder nein?« drängte er mit wachsender Ungeduld.
Zu langem Überlegen war keine Zeit. Die Biziukina sah Termosesow ängstlich an und begann schüchtern:
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