Full Text - Section 45
In diesen Augenblick ließ sich im Hausflur eine fröhliche, recht freundliche Baßstimme vernehmen, und in das Vorzimmer traten beide Gäste: zuerst Termosesow und hinter ihm Fürst Bornowolokow.
Achtes Kapitel.
Die Hausfrau saß da und rührte sich nicht. Es fiel ihr jetzt erst auf, wie unpassend den Gästen der Blumentopf auf dem Fensterbrett erscheinen mußte, und so verwirrt sie auch war, sie hatte doch noch Zeit zu überlegen, wie man ihn wohl am leichtesten aus dem Fenster hinausbefördern könnte. Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft, daß sie sogar die erste Frage überhörte, mit der sich einer der beiden Gäste an sie wandte, wodurch sie tatsächlich den Eindruck einer ganz in ihre Lektüre vertieften Person hervorrief.
Termosesow musterte sie über die Schwelle mit einem scharfen Blick und wiederholte seine Frage.
»Wer sind Sie? Vielleicht Frau Biziukina selbst?« fragte er, ruhig in den Saal eintretend.
»Ich bin Frau Biziukina,« antwortete die Hausfrau, ohne aufzustehen.
Termosesow ging auf sie zu:
»Ich bin Termosesow, Ismail Petrowitsch Termosesow, ein Schulkamerad Ihres Mannes, mit dem ich später wegen einer Dummheit auseinanderkam; und dies ist der Fürst Afanasij Fedosejewitsch Bornowolokow, Regierungsbeamter und Revisor aus Petersburg. Wir wollen hier allen die Hölle heiß machen. Guten Tag!«
Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie ergriff sie, während sie mit der andern das Buch auf die Fensterbank legte und bei dieser Gelegenheit den Blumentopf umstieß, so daß er auf die Straße kollerte.
»Was ist das? Sie haben Ihre Blume zum Fenster hinausgeworfen?«
»Das hat nichts zu sagen. Es war keine Blume. Nur Gras zum Auflegen auf Schnittwunden. Aber es taugt auch schon nichts mehr.«
»Selbstverständlich taugt es nichts. Wer legt heute noch Gras auf Schnittwunden! Aber vielleicht gibt es noch solche Esel. Wo ist denn Ihr Mann?«
Die Biziukina sah den Revisor an, der ohne ein Wort zu sagen auf dem kleinen Sofa Platz genommen hatte, und erwiderte Termosesow, ihr Mann sei nicht zu Hause.
»Nicht zu Hause? Na, macht nichts, wir sprechen uns noch. Wir waren dicke Freunde, bis uns eine Dummheit auseinanderbrachte. Aber ich muß offen bekennen, Sie passen nicht zu diesem Mann. Nein, wirklich ganz und gar nicht, darüber ist kein Wort zu verlieren. Er ist ein Hohlkopf, weiter nichts, und es ist sein Glück, daß Sie ihm zu dieser Stelle in der Akzise verhelfen konnten. Sie aber sind ein Prachtkerl, der alles ganz famos gedeichselt hat, — dem Mann die Stelle verschafft und — fein ist’s hier bei Ihnen!« fügte er hinzu, indem er mit einem schnellen Blick alle vom Saale aus sichtbaren Räume der Wohnung musterte. Als er in dem allen Schmuckes beraubten Kabinett die Kinderschar bemerkte, die sich an der Schwelle drängte, meinte er:
»Ah, so etwas wie eine Schule haben Sie auch hier. Schäbig genug ist das Zimmerchen, aber als Schulraum geht’s noch an. — Zu was Deubel unterrichten Sie die Lausebande eigentlich?« schloß er plötzlich schroff.
Die Biziukina geriet in Verlegenheit, aber Termosesow half ihr selbst darüber hinweg. Er ging auf die Jungen zu, faßte einen von ihnen unter das Kinn und fragte: »Na? Verstehst du Erbsen zu mausen? Lern’s, mein Junge, und wenn sie dich nach Sibirien expedieren, mag mein Segen dich begleiten. Lassen Sie sie laufen, Biziukina! Marsch nach Hause, ihr Halunken! Fix ans Erbsenstehlen!«
Die Jungen kamen langsam einer nach dem andern aus dem Kabinett und zogen im Gänsemarsch durch den Saal. Dann ging es in beschleunigtem Tempo durch das Vorhaus und über den Hof.
»Wozu all diese Schulen? Nichts als Zeitvergeudung!«
»Das finde ich auch,« sagte die Hausfrau kleinlaut.
»Versteht sich. Bekommen Sie eine Unterstützung?«
»Nein. Wo sollte die auch herkommen?«
»Warum nicht? Andere bekommen sie doch! — Und das ist wohl Ihr Früchtchen?« fragte er, indem er auf den herausgeputzten Jermoschka zeigte, der eben eingetreten war. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich an den Jungen:
»Geh mal, mein liebes Goldsöhnchen, und sag dem Dienstmädchen, daß wir uns waschen wollen.«
»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Hausfrau verlegen.
Aber Termosesow hörte es nicht. Er glaubte nun einmal, den Sohn der Hausfrau vor sich zu haben, und hielt dieser eine Predigt, wie und wozu sie ihn erziehen solle.
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