Full Text - Section 43
»Ausgezeichnet,« dachte die Biziukina. »Wenigstens ein Zimmer im Hause, das anständig aussieht.«
Sie machte noch zwei große Tintenflecke auf den Schreibtisch und stieß den Spucknapf in der Ecke um, so daß der Sand sich über den Fußboden streute. Aber o Himmel, als sie wieder in den Saal zurückkehrte, bemerkte sie, daß sie das Allerärgste fast übersehen hätte: an der Wand hing ein Heiligenbild!
»Jermoschka! Jermoschka! Schaff sofort dies Heiligenbild hinaus … ich will es in die Kommode legen!«
Das Bild wurde fortgeschafft und die besorgte Hausfrau begab sich in ihr Boudoir, öffnete einen großen Nußbaumschrank, wählte aus ihrer reichhaltigen Garderobe die allerschlechtesten Stücke, rief ihr Dienstmädchen und ließ sich ankleiden.
»Marfa, du liebst die Herrschaften wohl gar nicht?«
»Warum sollte ich sie nicht lieben?«
»Warum solltest du nicht? Nun so, ganz einfach! Wofür sollst du sie denn lieben?«
Das Mädchen wußte nicht, was es antworten sollte.
»Was haben sie dir denn Gutes getan?«
»Gutes, nichts, gnädige Frau.«
»Nun, du dumme Person, dann kannst du sie auch nicht lieben, und in Zukunft bitt' ich dich, die dummen Redensarten ›zu Befehl‹ und ›gnädige Frau‹ und so weiter gefälligst zu lassen. Sag einfach ›ja‹ und ›nein‹ und ›was‹ und ›warum‹. Verstanden?«
»Zu Befehl.«
»Zu Befehl!? Kannst du nicht einfach ›ja‹ sagen?«
»Warum denn, gnädige Frau?«
»Weil ich es so wünsche.«
»Zu Befehl.«
»Schon wieder? Ich hab' dir doch eben erst befohlen: einfach ›ja‹ und ›nein‹ zu sagen.«
»Ja. Aber es wird mir sehr schwer, gnädige Frau.«
»Schwer? Um so leichter wird dir’s später werden. Alle werden einmal so sprechen. Hörst du?«
»Zu Befehl.«
»Zu Befehl! Pack dich, dumme Gans! Ich schmeiß dich raus, wenn du mir noch einmal so antwortest. Einfach ›ja‹ — und mehr nicht. Bald wird es überhaupt keine Herrschaften mehr geben; verstehst du? Überhaupt keine mehr! Sie werden bald alle … in Stücke gehackt. Verstanden?«
»Ja,« sagte das Mädchen, um sie irgendwie loszuwerden.
»Jetzt geh und schick mir den Jermoschka her.«
»Nun ist aber noch etwas unbedingt nötig. Ich muß eine Schule hier haben.« Und Madame Biziukina gab ihrem Jermoschka zehn kupferne Fünfkopekenstücke und befahl ihm, möglichst viele Straßenjungen herbeizuschaffen. Er sollte jedem von ihnen sagen, daß er von ihr noch einen zweiten Fünfer bekommen würde.
Nach zehn Minuten kehrte Jermoschka in Begleitung einer ganzen Horde zerlumpter Gassenbuben zurück.
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