Full Text - Section 42

»Wie soll man das wissen? Wie soll man wissen, wer es sein wird? Aber erlauben Sie, — was ist denn das?« unterbrach der Propst sich plötzlich und sah nach einer Staubwolke, die sich auf dem Berge zeigte und einen mit drei Pferden bespannten Reisewagen, in dem zwei Männer saßen, begleitete. Der eine von ihnen war groß, fleischig, schwarz, mit feurigen Augen und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe; der andere klein, glatt rasiert, mit einem völlig leidenschaftslosen Gesicht und hellen, wässerigen Augen.

Der Wagen mit den Fremden fuhr schnell über die Brücke und bog auf dem anderen Ufer links ab.

»Was für unangenehme Gesichter,« sagte der Propst und wandte sich ab.

»Wißt Ihr auch, wer das war?«

»Gott sei Dank, nein.«

»Dann kann ich es Euch zu Eurer Betrübnis sagen. Es ist der Regierungsbeamte Fürst Bornowolokow, welcher seit einiger Zeit hier erwartet wird. Ich habe ihn sofort erkannt, obgleich ich ihn lange nicht gesehen habe. Richtig, sie halten vor dem Biziukinschen Hause.«

»Sagen Sie, bitte, welcher von beiden ist Bornowolokow?«

»Links, der Kleine, ist Bornowolokow.«

»Und der andere?«

»Wohl sein Sekretär. Auch eine Berühmtheit eigener Art.«

»Ein tüchtiger Jurist?«

»Hm! Davon habe ich eigentlich nichts gehört. Aber wegen irgendeiner Studentengeschichte wurde er einmal zu Festungshaft verurteilt.«

»Um Gottes willen! Wie nennt sich dieser Mann?«

»Ismail Termosesow!«

»Termosesow?«

»Ja, Termosesow; Ismail Petrowitsch Termosesow.«

»Himmel, was für Leute unser Zar in seine Dienste nimmt!«

»Wie meint Ihr das?«

»Aber, ich bitte! Dies Gesicht, diese Lippen, und auf Festung hat er gesessen und ist wieder freigekommen, und Termosesow heißt er auch noch.«

»Das ist entsetzlich, nicht wahr?« rief Darjanow laut lachend.

Sechstes Kapitel.

Wir müssen nun, unter dem Zwange der Verhältnisse, welche den Gang unserer Chronik bedingen, den Stargoroder Propst für einige Zeit verlassen, um die Bekanntschaft eines ganz anderen Kreises derselben Stadt zu machen. Wir treten in das Haus des Akzisebeamten Biziukin, in dem die längst erwarteten Petersburger Gäste soeben eingetroffen sind: der Fürst Bornowolokow, ein alter Studiengenosse des Akziseeinnehmers, welcher irgend etwas revidieren oder einführen soll, und sein Sekretär Termosesow, ebenfalls ein alter Bekannter und Gesinnungsgenosse Biziukins. Es ist vormittags und der Postwagen, welcher die Gäste nach Stargorod gebracht hat, macht eben vor dem Hause Halt.

Biziukin selbst war nicht zu Hause, und so mußte ihn seine Gattin vertreten. Diese interessante Frau, die sich viel mit Politik beschäftigte, sah dem Besuche des Gastes nicht ohne innere Bewegung entgegen. Sie wollte sich ihm von ihrer besten und vorteilhaftesten Seite zeigen, und war vom frühen Morgen darauf bedacht, daß ihr Haus den besten Eindruck auf die Ankommenden mache. In aller Frühe prüfte sie sämtliche Gemächer und fand, daß eigentlich nichts ihrem Wunsche entsprach. In der Mitte des reinlichen, freundlich möblierten Wohnzimmers blieb sie stehen und dachte verzweifelt:

»Nein, das ist zum Tollwerden! Hier sieht es ja genau so aus, wie bei Porochontzews oder bei Darjanows oder beim Postmeister, — mit einem Wort, wie überall, vielleicht etwas besser. Die Uhr auf dem Kamin, diese Armleuchter, und da steht das Klavier …​ Nein, das darf unmöglich so bleiben, um dieser Kleinigkeiten willen will ich nicht die Verachtung der modernen Männer auf mich laden. Ich weiß, wie man moderne Männer der Tat aufnimmt! Ja, aber, wo soll ich hin mit all dem Kram? Soll ich alles hinauswerfen? Das wäre doch zu schade. Die Sachen werden verderben, sie haben Geld gekostet. Und was nützt es, sie hinauszuwerfen, wenn ringsherum …​ Im Schlafzimmer zum Beispiel die Spitzengardinen …​ Na ja, ins Schlafzimmer werden die Gäste ja nicht hineinschauen …​ Ich bringe nur meines Mannes Zimmer in Ordnung!«

Und damit rief die junge Beamtenfrau ihre Dienstboten und ließ sie sofort alles ihrer Meinung nach Überflüssige aus dem Arbeitszimmer ihres Gatten auf den Speicher bringen, so daß nichts weiter übrigblieb als ein Tisch, ein Stuhl und zwei Sofas.


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