Full Text - Section 41
»Jetzt fällt mir’s ein, ja, man kann auch zu Johannes dem Krieger beten.«
»Aber weshalb habt Ihr denn eine ganze Stunde gestritten, Vater Diakon?« sagte Nikolai Afanasjewitsch, ihm zum Abschied sein Händchen entgegenstreckend.
»Daß mir sowas passieren mußte! Ich hatte die Duplikate vergessen, deshalb stritt ich,« verteidigte sich der Diakon.
»Das ist genau wie im Sprichwort, werter Herr: ich suche meine Mütze und habe sie auf dem Kopfe. Meinen ehrerbietigsten Gruß, Vater Diakon.«
»Ich suche meine Mütze! … Ach, du Kleiner!« grinste Achilla, kriegte den Zwerg am Rockschoß zu packen und setzte ihn auf seine Hand, indem er rief:
»Der ist ja so leicht wie eine Flaumfeder!«
»Laß sein,« befahl Vater Tuberozow.
Der Diakon stellte den Zwerg wieder auf den Boden und bemerkte scherzend, in Anbetracht seiner Leichtigkeit sei es unmöglich, ihn nach Gewicht zu verkaufen. Doch der Propst, den das vorlaute Gebaren des Diakons schon zu ärgern begann, wandte ein:
»Weißt du, wen man nach Gewicht schätzt?«
»Nun, wen?«
»Den Wicht.«
»Schönsten Dank!«
»Bitte sehr, recht gern geschehen.«
Der Diakon wurde verlegen, fuhr mit seinem Baumwolltaschentuch über den haarigen Filz seines Hutes und brummte:
»Ihr könnt auch nie und nirgends ohne Politik auskommen!«
Und schritt mit gekränkter Miene zur Tür hinaus.
Bald begannen sich auch die andern Gäste zu verabschieden und gingen ein jeder seines Weges.
Den Zwerg und seine Schwester trug der bronzebeschlagene Wagen schnell von dannen, Tuberozow aber nahm seinen Weg in Begleitung desselben Darjanow, mit dem wir ihn im Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja gesehen haben, langsam über die Brücke.
Als sie das jenseitige Ufer erreicht hatten, machten sie einen Augenblick Halt. Von alter Erinnerung überwältigt meinte der Propst:
»Ist es nicht seltsam, daß dieses alte Märchen, welches uns der Zwerg erzählt und das ich schon so oft gehört habe, daß dieses kindliche Märlein von den Stricknadeln der Alten mich nicht nur erfrischt, sondern auch beruhigt hat nach all der Aufregung, in welche mich die jüngste Wirklichkeit versetzt hatte? Ist das nicht ein deutlicher Beweis dafür, daß ich alt geworden bin und in der Vergangenheit zu leben beginne? Aber nein, das ist es nicht. Ich bin von klein auf so gewesen. Mir fällt eben ein Erlebnis ein: als Student kam ich einmal in das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte und sah, wie man die alte Holzkirche niederriß, um an ihrer Stelle ein neues schönes Gotteshaus aus Stein zu errichten … Damals brach ich in Tränen aus.«
»Warum denn?«
»Es war mir leid um das hölzerne Kirchlein. Einen schönen, lichten, neuen Tempel will man in Rußland bauen, und die Enkel, die darin beten werden, werden sich freuen an der Fülle von Licht und Wärme, — und dennoch tut es weh, wenn die alten Balken ohne Erbarmen auseinandergezerrt werden.«
»Ja, lohnt sich’s denn wirklich, etwas zu bewahren aus jener alten Zeit, die nichts Besseres wußte, als mit Stricknadeln zu klappern und sich an Zwergenhochzeiten zu erfreuen?«
»Ja, sehen Sie mal, ärmlich genug ist das ja, — und doch fühlte ich etwas vom russischen Geiste darin. Ich gedachte der alten Bojarin und mir wurde so wohl und frei dabei, und das scheint mir der schönste Lohn für meine Pietät. Lebt in gutem Einvernehmen mit eurem alten Märchen, ihr jungen russischen Leute! Solch ein altes Märchen ist ein wunderbares Ding! Wehe dem, der in seinem Alter keines hat! Euren Ohren klingt das Klappern der alten Stricknadeln eintönig, mir aber erzählt es süße Mären! … O wie gerne möchte ich in Frieden mit meinem alten Märchen sterben!«
»Das wird ja wohl auch so werden.«
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