Full Text - Section 37
»So ganz konnte sie dich aber doch nicht für einen Hasen halten, wenn sie dich sogar verheiraten wollte?« sagte der Polizeichef Porochontzew.
»Ja, das hat sie gewollt, Woin Wasiljewitsch. Freilich, freilich,« erwiderte der Kleine, die Stimme immer mehr dämpfend, »das hat sie gewollt.«
»Wirklich, Nikolai Afanasjewitsch?« riefen mehrere Stimmen zugleich.
Nikolai Afanasjewitsch wurde ganz rot und flüsterte:
»Lügen wäre Sünde, — ja es war so.«
Und nun stürmte die ganze Gesellschaft auf den Zwerg ein:
»Erzählen, Nikolai Afanasjewitsch, erzählen!«
»Ach, werte Herrschaften, was ist da zu erzählen?« suchte Nikolai Afanasjewitsch lachend und errötend und die Hände ausstreckend die Zudringlichen abzuwehren.
Man gab nicht nach. Die Damen faßten seine Hände, küßten ihn auf die Stirn; er fing die Damenhände, die sich nach ihm ausstreckten, im Fluge auf und küßte sie, wollte aber trotzdem nicht erzählen, weil er meinte, die Geschichte wäre zu lang und uninteressant. Da schlug plötzlich etwas dröhnend gegen den Fußboden, die Hausfrau, die in diesem Augenblick vor dem Lehnstuhl des Zwerges stand, trat erschrocken zurück, und den erstaunten Blicken von Nikolai Afanasjewitsch zeigte sich der Diakon Achilla, kniend mit hoch emporgereckten Armen.
»Herzchen!« flehte er mit heftigen Kopfbewegungen. »Erzähle, wie sie dich verheiraten wollten.«
»Ja, ja, ich will alles erzählen, steht nur auf, Vater Diakon.«
Achilla erhob sich, klopfte den Staub von seiner Kutte und rief selbstzufrieden:
»Nun? Was sagt ihr nun? Er wird nicht erzählen, meintet ihr! Da sagte ich: Ich setze es durch, — und ich hab’s durchgesetzt! Jetzt bitte wieder Platz zu nehmen, meine Herrschaften, und hübsch still sein, und die gnädigste Hausfrau ist so gut und läßt dem Nikolascha für seine Erzählung ein Glas Wasser mit rotem Wein geben, wie das in feinen Häusern Brauch ist.« —
Alle setzten sich. Man brachte Nikolai Afanasjewitsch ein Glas Wasser, in das er selbst ein paar Tropfen Rotwein goß, und dann fing er von neuem zu erzählen an.
Viertes Kapitel.
»Es war bald nach dem Frieden mit Frankreich, meine werten Herrschaften, als ich mit dem in Gott entschlafenen Kaiser sprach.«
»Sie haben mit dem Kaiser gesprochen?« unterbrachen den Erzähler sofort mehrere Stimmen.
»Ja, was denken Sie?« sagte der Zwerg sanft lächelnd. »Mit Seiner Kaiserlichen Majestät Alexander Paulowitsch habe ich gesprochen und habe Verstand genug gehabt, ihm zu antworten.«
»Hahaha! Ist das ein Kerl, dieser Nikolaurus, Gott straf mich!« brüllte der Diakon Achilla entzückt und schlug sich mit der flachen Hand auf die Schenkel. »Seht ihn doch an, — so ein winziger Floh und hat mit dem Kaiser geredet.«
»Sitz ruhig, Diakon, und sei still,« sagte Tuberozow ernst.
Achilla gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er den Erzähler nicht mehr unterbrechen werde und setzte sich.
Der Zwerg fuhr fort:
»Die ganze Sache nahm scheinbar mit diesem meinem Gespräch mit dem Kaiser überhaupt ihren Anfang. Meine gnädige Herrin Marfa Andrejewna hatte den Wunsch, nach Moskau zu reisen, als der Kaiser nach seinem weltberühmten Siege über Napoleon Bonaparte dort erwartet wurde. Natürlich mußte auch ich sie wieder auf dieser Reise begleiten. Die Selige war dazumal schon in hohen Jahren, und weil auch ihre Gesundheit zu wünschen übrigließ, leicht erzürnt und gekränkt. Da verschaffte nun Alexei Nikititsch seiner Mutter eine Einladung zu einem Ball, zu dem auch der Kaiser kommen sollte. Marfa Andrejewna gestand mir offen, daß ihr das ein großes Vergnügen bereitet hatte. Sie ließ sich zu diesem Ball ein kostbares Kleid machen, und für mich wurde bei einem französischen Schneider ein blauer Frack aus englischem Tuch mit goldenen Knöpfen bestellt, dazu — entschuldigen Sie, meine Damen — Pantalons, Weste, Halsbinde — alles weiß; ein Spitzenvorhemd und Schnallenschuhe, — zweiundvierzig Rubel hat sie bezahlt. Alexei Nikititsch hatte, um seiner Mutter eine Freude zu machen, es so eingerichtet, daß sie mich mitnehmen durfte. Dem ~Maitre d’hôtel~ wurde befohlen, mich in die Orangerie zu führen und gerade gegenüber dem Saale, in den der Kaiser eintreten sollte, irgendwo in einer Ecke zwischen den Gewächsen aufzustellen. So geschah es denn auch, werte Herrschaften, aber doch nicht ganz, wie es beabsichtigt war. Der ~Maitre d’hôtel~ sagte mir, ich sollte mich ruhig verhalten und sehen, soviel ich von meinem Platz nur sehen könnte. Aber was war von da zu sehen? Nichts. Da machte ich es wie Zachäus, der Zöllner, wissen Sie, und kletterte — hoppla — auf so einen kleinen künstlichen Felsen, wo ich nun unter einer Palme stand. Der Saal war voll Glanz und Lärm und Musik, aber auch von meinem Felsen konnte ich nur die Frisuren der Herrschaften sehen. Plötzlich aber gerieten all diese Köpfe in lebhafte Bewegung, sie schoben sich auseinander und der Kaiser ging mit dem Fürsten Golitzyn geradewegs nach der Orangerie, um sich etwas zu erfrischen. Und — denken Sie sich nur — nicht allein, daß er sich nach der Orangerie begibt, er geht auch gerade auf die entfernte Ecke zu, wo man mich versteckt hatte. Ganz starr war ich, meine Damen, wie angewachsen an den Felsen und konnte nicht herunter.«
»Da war dir wohl bange?« fragte Tuberozow.
»Wie soll ich sagen? Bange eigentlich nicht, aber doch gewissermaßen aufgeregt war ich.«
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