Full Text - Section 33

Danilka schüttelte widerwillig den Kopf und brummte:

»Vielleicht habt Ihr so was gesagt.«

»Nein, mein Lieber, keine Winkelzüge! Gestehen sollst du! Ich hab' es deutlich ausgesprochen: den Ritus nicht antasten, und damit basta! Und warum sagte ich das? Weil es unser Lebensinhalt ist, unsere Wesenheit, deshalb hast du auch deine Finger davon zu lassen. Hast du mich verstanden?«

Danilka drehte sich nur zur Seite und lächelte. Ihm selbst war es furchtbar komisch vorgekommen, als der Diakon ihn am Ohr durch die ganze Stadt zerrte, und die andern Kleinbürger, welche Zeugen dieser Szene waren, hatten, im Scherz und mühsam das Lachen verbeißend, dem Diakon ebenfalls übermäßige Strenge vorgeworfen.

»Ihr seid zu streng, Vater Diakon! Ihr seid übermäßig streng,« hatten sie ihm gesagt.

Achilla machte nach dieser Bemerkung ein nachdenkliches Gesicht, und mit einem tugendhaften Seufzer seine Hände auf die Schultern der beiden zunächst stehenden Kleinbürger legend, meinte er:

»Streng, sagt ihr? Ja, gewiß bin ich streng, da redet ihr wahr. Aber dafür bin ich auch gerecht. Wenn nun diese Sache vor den Friedensrichter käme? Da ginge es doch viel schlimmer. Er knöpft einem sofort drei Rubel zum Besten der Kinderbewahranstalten ab.«

»Wer weiß? Mancher Friedensrichter gibt einem dafür noch einen Rubel Trinkgeld.«

»Na siehst du wohl! Ich weiß, daß ich gerecht bin, mein Lieber.«

»Gerecht? Ach nein, Vater Diakon, Eure Gerechtigkeit ist nicht weit her!«

»Wieso?«

»Weil doch der Danilka gar nicht so viel Schuld hat. Er hat doch nur wiederholt, was der gelehrte Mann ihm sagte. Wenn’s nach Recht ginge, müßtet Ihr den Lehrer Warnawa zur Vernunft bringen. Er hat uns das erklärt, Danilka hat bloß gezweifelt, ob der Lehrer recht hat und der Regen von selber durchs Naturgesetz gekommen ist, oder ob ihn doch der Bittgottesdienst hervorgerufen hat. Wenn Ihr den Lehrer durchgewalkt hättet, so wäre das nur recht und billig gewesen.«

»Den Lehrer?!« Der Diakon breitete die Arme weit aus, schob die Lippen rüsselförmig vor, stand einen Augenblick vor den Kleinbürgern und flüsterte dann: »Gerecht? Ja, die Gerechtigkeit verlangt es …​ Aber Vater Sawelij will es nicht …​ und also ist es unmöglich …​«

Zweites Kapitel.

Mehrere Tage waren vergangen. Tuberozow hatte sich überzeugt, daß seine Befürchtungen, die unbändigen Taten des Diakon Achilla könnten noch ein gerichtliches Nachspiel haben, unbegründet waren. Alles ging gemütlich seinen gleichen Gang. Die Leute suchten Abwechslung in ihr eintöniges Leben zu bringen, indem sie sich zankten, um sich wieder zu versöhnen, und sich versöhnten, um sich wieder zanken zu können. Nichts drohte die allgemeine Ruhe zu stören. Im Gegenteil, dem Propst ward ein wunderschöner Tag beschieden, der ihm nichts als Freude brachte. Es war dies der Namenstag der Frau Stadthauptmann, der sehr bald auf jenen Tag folgte, an dem Achilla in seinem Glaubenseifer den öffentlichen Skandal mit dem Kommissar Danilka hervorgerufen hatte. Als alle Gäste der Pastete des Herrn Polizeichefs die gebührende Ehre erwiesen hatten, rief der Hausherr, welcher zufällig ans Fenster getreten war, plötzlich laut seiner Frau zu:

»Ach du lieber Gott! Sieh nur, Frau, was für Gäste wir bekommen!«

»Wer kommt denn da?« fragte die Frau.

»Sieh mal selber nach.«

Die Hausfrau, und mit ihr alle anwesenden Gäste, stürzten ans Fenster, und nun sah man, daß sich ein mächtiges Dreigespann kräftiger brauner Pferde vorsichtig den Berg herunter bewegte, fast wie ein dreiköpfiger Drache, der auf dem Bauche kriecht. Das mittlere Pferd bläht sich auf und strampelt, wie ein alter General, der einem Untergebenen eine Pauke halten will. Die Seitenpferde sausen bald, wie Ulanenkornetts auf dem Ball, die ein Gegenüber suchen, bald drängen sie sich an das Mittelpferd, wie Schafe im Regen. Das rote Glöcklein schlug manchmal mit dem Ring gegen den Rand, dann schien es wieder wie festgeklebt und schwieg; nur die Schellen klirrten dumpf. Jetzt war der dreiköpfige Drache unten angelangt und breitete sich aus. Die Rücken der Pferde wurden sichtbar, der Schweif des einen Seitenpferdes wehte hoch im Winde; auch eine Mähne flog empor; die Pferde hielten gleichmäßigen Trab und der Wagen polterte über die Brücke. Deutlich sah man das vergoldete Krummholz mit eingeätzten Ornamenten und den großen altertümlichen, bronzebeschlagenen, gitarrenförmigen Wagen, auf dem nebeneinander, wie auf einem Sofa, zwei kleine Geschöpfe, ein weibliches und ein männliches, saßen; der Mann in einem dunkelgrünen Kamelot-Mantel und einer großen Mütze aus haarigem Plüsch, die Frau in einem schlafrockartigen Mantel aus himbeerfarbenem Gras-de-Naples mit einem lila Samtkragen und einer Haube mit braunen Bändern.

»Mein Gott, das sind ja die Plodomasowschen Zwerge! — Nicht möglich! — Sehen Sie doch selbst! — Ja, richtig! — Gewiß doch! Da — Nikolai Afanasjewitsch hat uns schon bemerkt. Sehen Sie, er grüßt! Und jetzt nickt auch Maria Afanasjewna.«

So tönte es erfreut von allen Seiten. Die Gastgeber beeilten sich, für die Ankömmlinge das Frühstück wieder auftragen zu lassen, und die Anwesenden richteten die Blicke gespannt nach der Tür, durch die die kleinen Leute eintreten mußten.

Voran schritt ein altes Männlein, nicht größer als ein achtjähriger Knabe, gefolgt von einem alten Frauchen etwas größeren Wuchses.

Das Männlein war ganz Sauberkeit und Wohlanständigkeit. Auf seinem Gesicht war nichts von gelben Flecken oder Runzeln zu sehen, wie sie gewöhnlich die Gesichter von Zwergen entstellen. Er hatte eine sehr wohlproportionierte Gestalt, einen kugelrunden Kopf, der ganz mit weißen, kurzgeschorenen Haaren bedeckt war, und kleine braune Bärenaugen. Die Zwergin machte keinen so angenehmen Eindruck wie ihr Bruder. Ihre Gestalt war schwammig, um den Mund spielte ein Zug von Dummheit und Sinnlichkeit und die Augen blickten stumpf.

Der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch trug trotz der heißen Jahreszeit warme Tuchstiefel, schwarze Beinkleider aus haarigem Flauschstoff, eine gelbe Flanellweste und einen braunen Frack mit Metallknöpfen. Seine Wäsche war von tadelloser Sauberkeit und seine Wangen stützten sich auf eine stramm gebundene, hohe Atlashalsbinde. Die Zwergin trug ein grünes Seidenkleid mit großem Spitzenkragen.

Als Nikolai Afanasjewitsch ins Zimmer getreten war, legte er zuerst die Händchen an die Hosennaht, drückte dann die Rechte mit der Mütze ans Herz, machte einen Kratzfuß und schritt etwas breitbeinig gerade auf die Hausfrau zu.


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