Full Text - Section 32
Der Diakon stieg eilig die Verandastufen hinauf, trat ins Vorhaus und öffnete, nachdem er mit der Stirn erst gegen den Querbalken gerannt war, die Tür zum Wohnzimmer.
In dem niedrigen Raume ging der dürre, winzige Zacharia im Leibrock, die Hände auf dem Rücken, eine lange silberne Kette auf der eingefallenen Brust, auf und ab.
Achilla betrat dieses Haus mit einem ganz anderen Gesicht und in ganz anderer Haltung, als das des Propstes. Die Verwirrung, in der er sich befunden hatte, als er das Haus Tuberozows verließ, war geschwunden, und schon erfüllten ihn eitel Milde und Güte.
»Nun, Vater Zacharia! Nun, Brüderlein, liebes … Nun!« begann er ungeduldig in der Tür.
»Was gibt’s?« fragte Zacharia mit sanftem Lächeln. »Was drehst und windest du dich so?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann der dürre Pfarrer wieder auf- und abzulaufen.
Der Diakon brach erst in ein lustiges Lachen aus und rief dann:
»Ach, Freundchen, hat das wieder eine Kopfwäsche gegeben! Ach, Vater, sogar der Schädel tut mir weh von der Seife. Kann ich mal fix einen kippen?«
»Einen kippen? Schön! Aber wer hat dich denn vorgekriegt?«
»Wer sonst als der Justizminister!«
»Vater Sawelij!«
»Eben der! Es ist eine ganz ungewöhnliche Sache, Vater Zacharia. Ich wollte mich verdient machen, aber er hat alles herumgedreht, durcheinandergeschmissen. Erzählen läßt es sich gar nicht.«
Aber nachdem der Diakon sich gesetzt und das ihm auf einem Teller präsentierte Gläschen Branntwein geleert hatte, erzählte er Vater Zacharia doch die ganze Geschichte seines Konflikts mit Danilka und mit Tuberozow in allen Einzelheiten. Zacharia hüpfte währenddem unausgesetzt im Zimmer hin und her und blieb nur stehen, um bald den einen, bald den andern der herumhuschenden Blondköpfe aus dem Wege zu räumen. Als der Diakon seine Erzählung beendet hatte, brummte Zacharia, das Ende seines dünnen Bartes zwischen die Lippen geklemmt, bedeutungsvoll: »Ja, ja, ja, aber das tut nichts.«
»Ich kann mir’s nicht anders denken, als daß er erzürnt ist und …«
»Und was noch? Packt euch raus, ihr Bälger! Also was noch?« fragte Zacharia, die Kinder zur Seite schiebend.
»Daß es unpolitisch von mir war, die Pfeife zu erwähnen,« erklärte der Diakon.
»Ja natürlich … versteht sich … zum Teil mag auch das … Weg mit euch, ihr Bälger! … Übrigens glaube ich, daß er nicht so sehr unzufrieden mit dir ist … Er ist vielmehr … nehme ich an … Wollt ihr wohl Platz machen, ihr Bälger! … Ich meine, daß er in seinem Herzen … verstehst du?«
»Betrübt ist?« sagte der Diakon.
Vater Zacharia fuhr sich mit der kleinen Hand über die Brust, zog ein saures Gesicht und sagte:
»Empört ist.«
»Gepeinigt,« entschied Achilla. »Ich weiß, der Lehrer Warnawka bringt ihn immer in Zorn, aber ich nehme mir den Warnawka noch einmal ordentlich vor — -- und so weiter.«
Und ohne sich in weitere Auseinandersetzungen einzulassen, verabschiedete sich der Diakon und ging.
Auf dem Heimwege traf er Danilka und hielt ihn an:
»Sei so gut, lieber Danilka, und zürne mir nicht. Wenn ich dich gestraft habe, so geschah es nur in Erfüllung meiner Christenpflicht.«
»Ihr habt mich vor dem ganzen Volke gekränkt, Vater Diakon,« antwortete Danilka in einem Tone, der zwar noch immer beleidigt, aber doch auch schon ein wenig nach Friedensbereitschaft klang.
»Nun, was willst du mir dafür tun, daß ich dich gekränkt habe? Ich weiß, daß es eine Kränkung war, aber wenn ich streng bin … Ich habe es ja nicht aus Frechheit getan. Schon im vorigen Jahr, als ich dich ertappte, wie du im Vorhause beim Polizeichef das Meßgewand des Propstes angelegt hattest und den Weihwasserwedel schwenktest, sagte ich zu dir: ›Du kannst über die Schrift philosophieren, soviel du willst, Danilka, von der Wissenschaft verstehe ich selbst nicht viel, aber den Ritus darfst du mir nicht antasten.‹ — Hab' ich das gesagt oder nicht?«
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