Full Text - Section 30
»Sieh doch, Vater Sawelij, was da für eine Menge Leute kommt.«
»Leute gibt es viel, meine Liebe, aber es sind keine Menschen darunter,« antwortete Sawelij ruhig.
»Nein, du solltest wirklich hinaussehen, es sind ihrer furchtbar viele.«
»Laß sie doch rumlaufen, soviel sie wollen; gib mir lieber noch ein Gläschen Tee.«
Die Pröpstin nahm sein Glas, füllte es, reichte es ihm und trat wieder ans Fenster. Der lärmende Haufe war verschwunden. Nur drei oder vier aus ihm standen noch herum und blickten mit offenkundiger Verlegenheit nach dem Tuberozowschen Hause.
»Um Gotteswillen, brennt es nicht irgendwo bei uns, Vater Sawelij!« rief die Pröpstin und stürzte entsetzt ins Zimmer ihres Gatten, aber schon an der Schwelle blieb sie stehen und begriff endlich, was eigentlich geschehen war.
Die Tür zum Wohnzimmer ging lärmend auf und in der Wohnstube des Propstes erschien der Diakon Achilla, und dicht hinter ihm, feuerrot und ganz verwirrt, der Kommissar, welchen Achilla fest am Ohr hielt.
»Vater Propst,« begann Achilla, indem er Danilka losließ und die Hände dem Propst entgegenstreckte.
Tuberozow segnete ihn.
Hierauf trat auch Danilka vor Sawelij hin und nahm den Segen in Empfang.
Nachdem dies geschehen war, packte der Diakon ihn wieder fest am Ohr, riß ihn zwei Schritte zurück und fing an:
»Stellt Euch vor, Vater Sawelij, eben gehe ich die Straße entlang, da höre ich laut reden. Ein paar Kleinbürger sprechen vom gestrigen Regen, den uns der liebe Gott auf unseren Bittgottesdienst gesandt hat, — und jener dort« — Achilla stieß den Zeigefinger seiner linken Hand dem ängstlich zwinkernden Danilka gerade in die Nase — »wagt zu widersprechen!«
Tuberozow hob den Kopf.
»Denkt nur, er behauptete,« fuhr der Diakon fort und zog Danilka näher zu sich heran, »er behauptete, der Regen, den wir vorige Nacht nach dem Bittgottesdienst gehabt hätten, sei gar nicht infolge des Gottesdienstes gekommen.«
»Woher weißt du denn das?« fragte Tuberozow trocken.
Danilka schwieg verlegen.
»Denkt doch bloß, Vater Propst! Er behauptet, der Regen sei einfach kraft eines Naturgesetzes gekommen.«
»Zu welchem Zwecke hast du die Betrachtungen angestellt?« fragte Tuberozow.
»Ein Zweifel regte sich in mir,« antwortete Danilka bescheiden.
»Zu zweifeln hat ein so kompletter Ignorant, wie du, überhaupt nicht, und also hat der Täter seinen Lohn dahin. Du hast bekommen, was du verdientest. Und nun hinaus aus meinem Hause, du Schwätzer.«
Nachdem der Freigeist Danilka auf diese Weise an die Luft befördert war, nahm der Propst wieder am Teetisch Platz, trank sein Glas schweigend aus, und als er damit fertig war, wandte er sich an den Diakon Achilla. »Und du, Vater Diakon, — hast du die Absicht, noch lange so zu wüten? Hab' ich dich nicht ermahnt, deine Hände davon zu halten?«
»Es geht nicht, Vater Propst; ich konnte mich nicht bezwingen; ich wollte Euch schon längst davon Mitteilung machen, wie er — denkt nur — immer gegen die Gottheit und gegen die Schrift redet.«
»Und da mußtest du dich vor allem Volke mit ihm prügeln?«
»Und wenn’s auch vor allem Volke war, — was ist denn dabei, Vater Propst? Ich bin ein Diener des Altars und muß an jedem Ort für meinen Glauben eintreten. Der heilige Nikolaus hat dem Ketzer Arius auch vor allem Volke eins ausgewischt …«
»Du bist aber nicht der heilige Nikolaus,« fiel ihm Tuberozow ins Wort. »Du bist eine simple Krähe, verstehst du, und als solche hast du dich nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen. Was hast du mit deinem Knüppel so zu fuchteln? Du hast wohl vergessen, daß ein Knüppel zwei Enden hat? Du verläßt dich immer auf deine Kraft, du Dromedar!«
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