Full Text - Section 3

»Nein, den deinen magst du bei dir behalten,« erwiderte Sawelij.

»Warum denn, Vater Propst? Ich bin doch ebenso …​ ich bin doch auch von dem Herrn Adelsmarschall ausgezeichnet worden,« antwortete der Diakon ein wenig gekränkt.

Aber der Propst würdigte seinen Einspruch keiner Antwort, legte den ihm eben gebrachten Stab des Vater Zacharia neben sich hin und hieß den Kutscher zufahren.

So fuhr er dahin und die beiden zweifelerregenden Stäbe fuhren mit, der Diakon Achilla aber saß zu Hause und mühte sich vergeblich, das Rätsel zu lösen, zu welchem Zweck Tuberozow den Stab des Zacharia mitgenommen hatte.

»Was geht’s dich an? Was hast du dabei? Was?« beschwichtigte Zacharia den von Neugier gemarterten Diakon.

»Vater Zacharia, ich sag’s Euch, das ist Politik.«

»Nun und wenn’s Politik ist, — was geht’s dich an? Mag er doch politisieren.«

»Aber ich vergehe vor Neugier, was das für eine Politik sein könnte. Euren Stab zu beschneiden wollte er mir nicht gestatten; das wäre eine Dummheit, sagte er; ich schlug ihm vor, Zeichen anzubringen, aber er wies es zurück. Das einzige, was ich vermute …​«

»Ei nun, was kannst du Schwätzer vermuten?«

»Das einzige wäre, daß er …​ Er setzt bestimmt einen Edelstein hinein.«

»Ja! Nun …​ nun ja …​ Aber wo soll er den Stein denn einsetzen?«

»In den Griff.«

»In den seinen oder in den meinen?«

»In den seinen, natürlich in den seinen. Ein Edelstein ist doch ein Wertstück.«

»Sehr schön. Wozu hat hat er dann aber meinen Stab mitgenommen? In den seinen will er den Stein einsetzen lassen, und den meinen nimmt er mit?!«

Der Diakon schlug sich mit der Hand vor die Stirn und rief:

»Da wär' ich wieder mal der Narr.«

»Hoffentlich bist du der Narr, hoffentlich,« bestätigte Vater Zacharia und fügte mit leisem Vorwurf hinzu: »und dabei hast du doch Logik gelernt, mein Lieber. Schäme dich.«

»Warum soll ich mich schämen, wenn ich sie gelernt, aber nicht kapiert habe! Das kann jedem so gehen,« antwortete der Diakon.

Er sprach fortan keinerlei Vermutungen mehr aus, nur im stillen verzehrte ihn nach wie vor die Neugier: was wird nun eigentlich geschehen?

So verging eine Woche, bis der Propst zurückkam. Der Diakon Achilla, welcher gerade einen von ihm neu eingetauschten Steppengaul einritt, war der erste, der die schwarze Pfarrkutsche sich der Stadt nähern sah. Er raste durch die Straßen, machte Halt vor allen Häusern, in denen gute Bekannte wohnten, und schrie in die offenen Fenster hinein: »Er kommt! Der Propst Sawelij! Die edle große Seele!«

Ein neuer Gedanke war dem Achilla plötzlich gekommen.

»Jetzt weiß ich, was es ist,« sagte er zu den Umstehenden, während er vor dem Tore des Pfarrhofes vom Pferde stieg. »Alle meine bisherigen Vermutungen waren nichts als eitel Torheit. Jetzt aber kann ich euch für gewiß sagen, der Vater Propst hat nichts anderes getan, als griechische Lettern — oder auch lateinische — in die Knöpfe einätzen lassen. So ist es, jawohl, so und nicht anders ist es; ganz bestimmt hat er Lettern einätzen lassen, und wenn ich es jetzt nicht erraten habe, so könnt ihr mich hundertmal einen Esel nennen.«

»Warte nur, warte, das tun wir noch; das kommt schon noch,« sagte Vater Zacharia und ging dem eben vorfahrenden Wagen entgegen.

Ernst und würdevoll entstieg der Propst dem Wagen, trat in das Haus ein, betete, begrüßte seine Gattin, indem er sie dreimal auf den Mund küßte, bewillkommnete danach auch den Vater Zacharia, wobei sie sich gegenseitig auf die Schultern küßten, und zu guter Letzt den Diakon Achilla, der dem Propst die Hand küßte, während dieser mit den Lippen seinen Scheitel berührte. Nach dieser Begrüßung ging man ans Teetrinken, Schwatzen, Erzählen, und langsam wich der Abend der Nacht, ohne daß der Propst auch nur ein Wort über die alle so interessierenden Stäbe geäußert hätte. Ein Tag verging, ein zweiter, ein dritter, mit keiner Silbe erwähnte Vater Tuberozow die Angelegenheit. Es schien, als habe er die Stäbe in die Hauptstadt gebracht und sie dort in den Fluß versenkt, damit alles Gerede von ihnen schweige.


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