Full Text - Section 29
Sein Blick traf mitten auf der Straße zwei aus dem Staube emporragende menschliche Rippen. Sich zu Prepotenskij wendend sagte er:
»Warum hebst du deine Astragalusse nicht auf?«
»Tretet beiseite, dann will ich sie aufheben.«
»Gut, ich will zurücktreten,« — und der Diakon ging an das Fenster, stellte sich auf die Zehenspitzen, guckte ins Zimmer hinein und fuhr fort:
»Hören Sie mal, Frau Rätin, Sie tun sehr unrecht, wenn Sie sich für diesen Lehrer so ins Zeug legen.«
Statt der erwarteten Antwort der »Rätin« erschien der liberale Akziseeinnehmer Biziukin selbst am Fenster und hielt dem Diakon den kahlen Schädel des Skeletts vor Augen.
»Sei mal so gut und lege das Ding fort, sonst werde ich böse,« entgegnete Achilla höflich. Von innen ertönte nur ein höhnisches Gelächter, und der Einnehmer ließ den Schädel laut und schauerlich mit den Zähnen klappern.
»Ich schlag euch alle zu Brei,« brüllte Achilla, indem er mit beiden Händen einen mächtigen Stein packte, der neben dem Fundament lag und gut zwei Zentner wiegen mochte. Im selben Augenblick, als er mit flammenden Augen dieses ungeheure Geschoß emporhob, um es gegen seine Widersacher zu schleudern, fiel ihm von hinten jemand in den Arm, und eine bekannte Stimme rief gebieterisch:
»Laß liegen!«
Es war Tuberozow. Mit strengem Gesicht, schwer atmend und zitternd vor Erregung stand Propst Sawelij vor ihm. Achilla gehorchte. Noch einen zornigen Blick aus seinen vor Wut geröteten Augen warf er auf den Einnehmer, dann schleuderte er den Stein mit solcher Wucht zur Seite, daß er einen Zoll tief in den Boden drang.
»Geh nach Hause,« flüsterte ihm Sawelij zu und wandte sich selbst zum Gehen.
Achilla widersetzte sich auch diesem Befehl nicht und schlich leise und niedergeschlagen, wie ein sonst artiger Schulbub, der bei einem dummen Streich ertappt worden ist, von dannen.
»Gott, was für eine alberne und ärgerliche Geschichte,« sagte Tuberozow, mühsam nach Luft schnappend, zu Darjanow, der ihn inzwischen eingeholt hatte.
»Macht Euch keine unnützen Gedanken, die Sache wird weiter keine Folgen haben.«
»Wieso keine Folgen? Die Folge wird sein, daß Achilla vor Gericht kommt. Haben Sie denn nicht gehört, was er schrie, als er mit dem Stein drohte? Er wollte sie alle zu Brei schlagen!«
»Ihr werdet sehen, alles löst sich in Wohlgefallen und Lachen auf.«
»Nein, das glaube ich nicht. Hier gibt es nichts zum Lachen. Es handelt sich um eine große Dummheit, die gemeine Menschen zu ihren Zwecken ausnutzen können.«
Der Propst beschleunigte seine Schritte und eilte nach Hause, indem er mit seinem langen Stabe zornige Zickzacklinien durch den Straßenstaub zog.
Im nächsten Buche unserer Chronik werden wir sehen, was für Folgen diese Begebenheit hatte und wer von den beiden Propheten im Recht war.
Zweites Buch.
Erstes Kapitel.
Der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch war vorüber und der erwachende Morgen verhieß einen heiteren und stillen Tag.
Tuberozow, von der Messe zurückgekommen, saß beim Tee, auf demselben Sofa, auf dem er nachts geschlafen, und vor demselben Tisch, an dem er seine Memorabilien geschrieben hatte. Die Pröpstin bediente ihren Gatten, um dessen Ruhe sie so besorgt war, daß sie ihm alles an den Augen abzusehen suchte und nicht wagte, durch irgendeine Frage seine ernsten Gedanken zu stören. Flüsternd befahl sie dem Dienstmädchen, die beiden Pfeifen des Propstes mit Shukowschem Knaster zu stopfen und sie in den Ständer in der Ecke zu stellen, und dann setzte sie sich ihm gegenüber und wartete, das Kinn auf die Hand gestützt, bis der Propst das erste Glas geleert habe und ein zweites verlangen würde.
Aber ehe es so weit war, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen ungewöhnlichen Lärm ganz in der Nähe des Hauses abgelenkt. Man vernahm hastige Schritte und wirre Stimmen, die sich hin und wieder zu wütendem Geschrei verdichteten. Die Pröpstin schaute zum Fenster ihres Schlafzimmers hinaus und sah, daß Lärm und Geschrei von einer Menschenmenge herüberdrangen, welche sich mit großer Hast geradewegs auf ihr Haus zu bewegte.
»Was kann das sein?« dachte die Pröpstin, ging ins Wohnzimmer zurück und sagte ihrem Manne:
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