Full Text - Section 27
»Mutter!« unterbrach sie der Lehrer zornig.
»Was ist denn dabei, Warnascha? Ich sage dir, wenn du frühmorgens aufstehst, mußt du beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ — und dann erst essen …«
»Mutter!« rief Warnawa noch lauter.
»Was ärgerst du dich denn, Närrchen? Ich sage dir, du mußt beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ und dann ein Stückchen geweihte Hostie essen, denn, Sie müssen wissen,« wandte sie sich an die Gäste, »ich hole mir immer für ihn und für mich je ein Stückchen von der Hostie aus der Kirche, damit wir einst drüben in demselben Zelt sind. Aber er will es nie essen. Warum?«
»Warum? Ihr wollt wissen, warum? Schön! Weil ich mit Euch nirgends zusammen sein will, weder in dieser noch in irgendeiner andern Welt!«
Ehe noch der Lehrer diese Worte gesprochen hatte, erbleichte die Alte. Sie zitterte so, daß die beiden Fayenceteller, welche sie in der Hand hielt, ihr entglitten und klirrend in Scherben zersprangen.
»Warnascha,« rief sie, »du sagst dich los von mir?«
»Ja, ja, ja, ich sage mich los! Ihr seid mir auch hier schon zuwider, und mich verlangt nicht im mindesten darnach, Euch noch in jener Welt auf dem Halse zu haben.«
»St! St! St!« suchte die Alte bitterlich weinend ihn zu unterbrechen, und fing an, dicht vor seinem Gesicht in die Hände zu klatschen, damit sie seine furchtbaren Worte nicht höre. Jedoch Warnawa schrie viel lauter, als seine Mutter klatschte. Da stürzte sie zum Heiligenbild und rief außer sich, mit den gespreizten Fingern ihrer mageren Hände fuchtelnd:
»Höre ihn nicht, Gott, höre ihn nicht, höre ihn nicht!«
Und dann fiel sie schluchzend in der Ecke vor dem Bilde zu Boden.
Diese traurige und ganz unerwartete Szene hatte alle Anwesenden in Erregung versetzt, ausgenommen Prepotenskij. Der Lehrer blieb völlig ruhig und aß mit seinem gewöhnlichen, nie versagenden Appetit. Die Serbolowa war aufgestanden und der Alten, welche aus dem Zimmer stürzte, gefolgt. Darjanow sah durch die offene Tür, wie die Hostienbäckerin Alexandra Iwanowna umarmte. Er stand auf, schloß die Tür und stellte sich ans Fenster.
Prepotenskij aß ruhig weiter.
»Wann fährt Alexandra Iwanowna nach Hause?« fragte er, gemächlich kauend.
»Sobald die Hitze nachläßt,« antwortete Darjanow trocken.
»Erst!« sagte Prepotenskij gedehnt.
»Ja, Tuberozow will sie hier noch aufsuchen.«
»Tuberozow? Bei uns? In unserem Hause?«
»Ja, in Ihrem Hause. Aber er kommt nicht zu Ihnen, sondern zu Alexandra Iwanowna.«
Darjanow stand während dieses Gespräches mit dem Rücken zu Prepotenskij und blickte in den Hof hinaus, aber bei den letzten Worten wandte er sich um und fügte mit einem kaum merklichen Lächeln hinzu:
»Es scheint, Sie haben eine Mordsangst vor Tuberozow.«
»Ich? Ich Angst vor Tuberozow?«
»Ja freilich. Es sieht so aus, als wäre sogar Ihre Nase ganz grün geworden, wie ich sagte, er wolle hierher kommen.«
»Meine Nase grün geworden? Ich versichere Sie, das kommt Ihnen nur so vor. Wie wenig ich ihn fürchte, will ich Ihnen heute noch beweisen.«
Mit diesen Worten erhob sich Prepotenskij und ging hinaus. Der Gast ahnte nicht, was für kühne Gedanken in diesem Augenblick im verzweifelten Gehirn Warnawas keimten und reiften. Der geneigte Leser aber soll es im nächsten Kapitel erfahren.
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