Full Text - Section 26
»Ja, freilich,« stimmte Darjanow ihr bei. »Und der Rüpel spielt noch Komödie und kommt nicht mal zum Essen.«
»Gehen Sie doch noch mal hinaus und holen Sie ihn.«
»Er ist ja so störrisch wie ein Pferd und wird nicht kommen.«
»Das wollen wir doch sehen. Sagen Sie ihm, ich befehle es, ich sei Agent der Geheimpolizei und wünschte ihn sofort hier zu sehen, widrigenfalls ich Meldung mache, daß er nach Petersburg zu ziehen beabsichtige.«
Darjanow lachte und ging hinaus, um Warnawa zu holen. Inzwischen hatte der Lehrer seine Schätze in Sicherheit gebracht, und da die Arbeit seinen Appetit mächtig angeregt hatte, fiel es ihm nicht leicht, sich charakterfest zu zeigen und die Aufforderung zum Essen zurückzuweisen.
Um den freiwilligen Märtyrer aus seiner schwierigen Lage zu bringen, beugte sich der Abgesandte an sein Ohr und flüsterte ihm mit geheimnisvoller Miene zu, was die Serbolowa gesagt hatte.
»Sie Spionin!« rief Warnawa und wurde ganz rot.
»Ja.«
»Und vielleicht --«
»Was?«
»Vielleicht auch Sie …«
»Ja, ich auch.«
Warnawa drückte ihm freundschaftlich die Hand:
»Ich danke Ihnen, daß Sie kein Geheimnis daraus machen.«
Dann ging er mit reinem Gewissen zum Mittagessen.
»Ich muß Ihnen ja gehorchen …«
Fünfzehntes Kapitel.
Der Plan war also gelungen. Warnawa hatte jetzt einen Vorwand zum Essen zu kommen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Er trat ins Zimmer mit der Miene eines unglücklichen Opfers feindlicher Gewalten und setzte sich an das schmale Ende des Tisches, Darjanow gegenüber. Zwischen ihnen, an der Längsseite, nahm Alexandra Iwanowna Platz, während die vierte Seite frei blieb. Die Hostienbäckerin selbst setzte sich fast nie mit ihrem Sohne zu Tisch, und auch jetzt begnügte sie sich damit, die Gäste zu bedienen, ohne mitzuessen. Die Alte war entzückt, ihren gelehrten Sohn wiederzuhaben, Freude und Kummer wechselten auf ihrem Antlitz, ihre Augenlider waren gerötet, die Unterlippe zitterte leise und ihre alten Füßchen gingen nicht, sondern liefen in großer Hast, wobei sie unausgesetzt bemüht war, sich so zu stellen und zu wenden, daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte.
Die Gäste suchten durch allerlei Listen die Alte zum Bleiben zu bewegen, und lobten ihre Kochkunst. Aber die Gute wies alles Lob zurück und meinte, sie verstünde nur die allereinfachsten Speisen zu bereiten.
»Aber gerade diese einfachen Speisen schmecken uns ausgezeichnet.«
»Ach, wie sollen sie schmecken! Bloß gesund sollen sie sein, sagt man. Aber Gott weiß, ob dem wirklich so ist. Warnawa ißt doch immer, was ich gekocht habe, — und sehen Sie ihn bloß an: ganz wie leer ist er.«
»Hm!« brummte Warnawa, sah die Mutter vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf.
»Ach Gott, was willst du wieder? Wirklich, Warnawa, du bist leer.«
»Sagt das doch noch einmal!« knurrte der Lehrer.
»Es ist doch nichts Kränkendes, Warnascha! Milch trinkst du morgens bis zur Unendlichkeit; Tee mit Weißbrot nimmst du auch bis zur Unendlichkeit; Braten und Grütze auch, — aber wenn du vom Tische aufstehst, bist du wieder leer bis zur Unendlichkeit. Das ist doch sicher eine Krankheit. Ich sage dir schon, lieber Sohn, hör' auf mich …«
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