Full Text - Section 23

»Vollkommen recht.«

»Ausgezeichnet. Jetzt sagt man, daß ich meiner Mutter nicht vernünftig zuzureden verstehe. Ja, was soll ich denn noch sagen? ›Mütterchen, laßt die Knochen in Ruhe,‹ sprach ich. ›Ihr versteht nichts davon. Ich habe sie nötig, ich studiere den Menschen daran.‹ Aber was soll ich machen, wenn sie mir stets darauf antwortet: ›Weißt du, lieber Warnascha, es ist doch besser, wenn ich ihn begrabe.‹ — -- Das ist doch nicht zum Aushalten.«

»Allerdings.«

»Ich sagte ihr, um sie los zu werden: ›Was quält Ihr Euch um ihn, Mutter, er war ein Jude.‹ Aber sie glaubt mir nicht. ›Du lügst,‹ meint sie, ›das gibt dir der Teufel ein. Ich weiß es doch besser, die Juden haben alle Schwänzchen.‹ Niemals, sage ich, haben die Menschen, gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, Schwänze gehabt. Und dann fängt der Zank an. Ich trete, wie sich’s gehört, für die Juden ein, und sie widerspricht mir. Ich beweise ihr, sie hätten keine Schwänze, aber sie besteht darauf: Ja — nein — mit Schwanz — ohne Schwanz …​ heißt es. Und wenn sie sich gar nicht mehr zu helfen weiß, dann zischt sie nur noch: Kusch — kusch — kusch — und fuchtelt mir mit den Händen vor der Nase herum, als wär' ich ein Huhn, das sie von den Gemüsebeeten verjagen will. Und da verlangt man noch, man solle den Frauen Freiheit geben. Ich bin gewiß für die Emanzipation, aber man muß die Sache mit Vernunft anfangen: einer jungen, entwickelten Frau, die sich in ihrem Tun keinen Zwang auferlegen will, soll man die Freiheit geben, aber diesen alten Weibern — -- Nein, dagegen bin ich durchaus, und wundere mich, daß noch niemand diese Frage öffentlich behandelt hat. Hinter all dem stecken die Pfaffen mit diesem Tuberozow an der Spitze.«

»Sie übertreiben!«

»Warum nicht gar! Ich habe die Beweise dafür in der Hand. Tuberozow hat mich nie leiden mögen, jetzt aber haßt er mich einfach wegen meiner naturwissenschaftlichen Studien. Ich habe ihn ja einmal geschnitten.«

»Wie haben Sie denn das gemacht?«

»Nicht einmal, hundertmal hab' ich ihn schon geschnitten, — zuletzt noch in der vorigen Woche. Damals in der Schule, im Sprechzimmer des Inspektors, fing er an zu predigen, die Feiertage seien etwas ganz Besonderes, — da hab' ich ihn in aller Gegenwart geschnitten. Ich wies ihn einfach darauf hin, es sei mathematisch bewiesen, daß die Festlegung der Feiertage fehlerhaft sei. Wie steht’s denn um unsere Feste? fragte ich. Wir feiern Weihnachten, und im Auslande haben sie es schon dreizehn Tage früher gefeiert. Hab' ich nicht recht?«

»Es sind aber nur zwölf Tage, nicht dreizehn.«

»Nun gut, zwölf, darauf kommt es nicht an. Aber er schlug gleich mit der flachen Hand auf den Tisch und schrie: ›Paß auf, du Mathematikus, daß man dir dafür nicht noch mal in die Physik fährt!‹ Ich frage Sie: was meint er mit dem Worte Physik? Sie werden mich verstehen, — so redet doch nur ein Ignorant oder Zyniker, — und: ist das überhaupt eine Antwort, frage ich Sie?«

Der Gast lachte und sagte, eine Antwort sei es schon, aber freilich eine höchst merkwürdige.

»Einfach dumm ist sie. Aber so geht es tagaus, tagein. Gestern abend erst komme ich von der Biziukina, und wenige Schritte vor mir geht der Kommissar Danilka, — wissen Sie, jener Herumtreiber, der für zwei Rubel das Pferd beim Glitsch wegführte, als Achilla Butter schlagen mußte. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Wo warst du, Danilka? frag' ich ihn. Er antwortet, er sei beim Polizeichef gewesen und habe ihm Beeren von der Postmeisterin gebracht. Dort habe man gerade von mir gesprochen, der Diakon sei dagewesen, bemerkte er noch. Ich geriet natürlich in Aufregung, aber er suchte mich zu beruhigen: ›Nicht von Ihnen selbst war die Rede, sondern von dem toten Menschen, den Sie bei sich haben.‹ Begreifen Sie das Intrigenspiel? Ich gab dem Danilka zwanzig Kopeken. Was sollte ich machen? Es ist ja nicht schön, aber es geht nicht ohne Spione. Und nun berichtete er mir, der Diakon habe gesagt, es sei ein großer Fehler, mir den Ertrunkenen überlassen zu haben. Aber man kann es noch wieder gutmachen. Der Stadthauptmann kennt natürlich meinen Charakter und meinte deshalb auch, ich würde die Knochen nicht wieder zurückgeben, — und ich geb' sie auch bestimmt nicht heraus! Achilla aber riet: ›Man nimmt sie ihm einfach fort und bestattet sie in aller Ruhe.‹ Da meinte der Stadthauptmann: ›Sollte man vielleicht einen Schutzmann nach den Knochen schicken?‹ Jedoch dieser Bandit antwortet: ›Ich brauche keinerlei polizeiliche Hilfe. Ich hole sie einfach, lege sie in einen Kindersarg und die Sache ist erledigt.‹«

Plötzlich stürzte Prepotenskij auf die Gebeine los, breitete die Hände über sie aus, wie eine Henne ihre vor dem Habicht flüchtenden Küchlein mit den Flügeln bedeckt, und sagte mit erregter Stimme:

»Bitte sehr! Solange ich am Leben bin, wird die Sache nicht gemacht! Es ist schon genug, daß Ihr alles verzögert!«

»Was verzögern ›sie‹ denn?«

»Als ob Sie das nicht wüßten!«

»Etwa die Revolution?«

Der Lehrer brach seine Arbeit ab und nickte spöttisch.

Elftes Kapitel.

»Nachdem ich dies alles von Danilka gehört hatte,« fuhr Warnawa fort, »begab ich mich zur Biziukina zurück, um sie davon in Kenntnis zu setzen, und eine Stunde später, als ich nach Hause kam, waren alle Knochen schon fort. ›Wo sind sie geblieben? Wo?‹ schrei' ich, — und diese Dame, meine Frau Mama, antwortet: ›Sei nicht bös, mein lieber Warnaschenka (haben sie mir schon so einen scheußlichen Namen gegeben, muß er jetzt auch noch so ekelhaft verdreht werden), sei nicht bös, die Obrigkeit hat sie holen lassen.‹ — ›Was ist das wieder für ein Blödsinn,‹ schrei' ich, ›von was für einer Obrigkeit quasselt Ihr denn?‹ — ›Während du fort warst,‹ sagt sie, ›kam der Diakon Achilla ans Fenster und hat sie alle mitgenommen.‹ Was sagen Sie dazu? ›Seit wann gehört der Diakon zur Obrigkeit?‹ — ›Ja, Lieber,‹ sagt sie, ›wieso denn nicht? Er hat doch die Weihen empfangen.‹ Wie soll man mit einer solchen Person reden? Sie lachen, Ihnen kommt das komisch vor, mir aber war gar nicht lächerlich zumute, als ich selber zu diesem Banditen hingehen mußte. Jawohl! Achilla nennt mich feige und alle glauben es, aber gestern habe ich bewiesen, daß ich kein Feigling bin; geradewegs begab ich mich zu Achilla. Als ich hinkam, schnarchte er bereits. Ich klopfte ans Fenster und rief: ›Gebt mir meine Knochen heraus, Achilla Andrejewitsch.‹ Es dauerte eine Weile, bis er erwachte, und sofort mit seinen Unverschämtheiten loslegte: ›Was willst du mit den Knochen? (Was soll dies familiäre Du? Seit wann sind wir so intim?) Du bist ohne Knochen viel netter.‹ — ›Das geht Euch gar nichts an, ob und wann ich netter bin.‹ — ›Im Gegenteil, das geht mich sogar sehr viel an, denn ich bin eine geistliche Person.‹ — ›Aber Ihr habt nicht das Recht, fremdes Eigentum fortzunehmen.‹ — ›Sind denn Totengebeine Eigentum? Du solltest erst mal kapieren, daß du solches Eigentum gar nicht besitzen darfst.‹ Darauf erwiderte ich ihm, daß der Diebstahl den geistlichen Personen doch wohl auch nicht gestattet sei: er kenne wahrscheinlich die englischen Gesetze nicht. In England könne er dafür gehenkt werden. Und was antwortet er mir? ›Wenn du mir von allerlei Gesetzen vorschwatzen willst, dann bedenke gefälligst, daß du dafür nach der Gendarmeriekanzlei gebracht werden kannst. Da schiebt man dich bis zum Gürtel ins Kellerloch und dann setzt es Rutenhiebe mit zwei Bündeln zugleich. Dann hast du dein England.‹ Und damit schmeißt er sich wieder auf sein Bett. Jetzt war mir alles klar. Ich ging sofort zu Biziukins, um gleich alles Daria Nikolajewna zu erzählen, die ganz meiner Meinung war. Wie ich ihr gestern meine Vermutungen über den Diakon Achilla mitteilte, sagte sie sofort: ›Natürlich ist er ein Spion! In Ihrer gegenwärtigen, gefährlichen Lage muß es Ihre Hauptsorge sein, wieder in den Besitz der Knochen zu gelangen und sie dann aufs allereifrigste zu Lehrzwecken auszunutzen. Achilla kann sie jetzt bei Nacht noch nicht fortgeschafft haben, und wenn Sie sich gleich zu ihm schleichen, so können Sie sie wiederbekommen. Passen Sie nur auf, daß er Sie nicht erwischt, sonst könnte er Sie arg verhauen …​‹«

»Verhauen?«

»So meinte sie, weil sie die Gewohnheiten des Achilla gut kennt, und fügte noch hinzu: ›Lassen Sie sich aber nicht beirren. Nehmen Sie mein dickes, gemustertes Tuch und wickeln Sie es sich um den Hals. Auf den Kopf setzen Sie meine wattierte Winterkappe. Wenn er Sie dann wirklich ertappt und zuschlägt, so sind Sie geschützt und es tut Ihnen nicht weh.‹ Ich legte alles an und zog los. So kam ich denn zum zweitenmal in den Hof dieses Viehes. Der Hund schlug an, aber Daria Nikolajewna hatte auch das vorausgesehen und mir ein Stück Kuchen für den Köter mitgegeben. Ich fütterte ihn und ging weiter, bis ich vor mir einen Karren stehen sah. Ich stürze auf ihn zu, — und richtig, da lagen sie alle drinnen, alle meine Knochen.«

»Sie machten sich natürlich gleich an die Arbeit?«

»Versteht sich! Ich nahm die Kappe vom Kopf, wickelte die Knochen hinein und raste im schnellsten Tempo davon.«

»Und damit war die Geschichte zu Ende?«


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