Full Text - Section 22

»Zum Einbrechen, Rauben, Zanken.«

»Ihr habt mich dazu angetrieben,« erwidert der Diakon ganz ruhig und freundlich. »Ihr sagtet: so oder so — der Sache muß ein Ende gemacht werden. Und da hab' ich ihr ein Ende gemacht. Ich habe nur Euren Wunsch erfüllt.«

Tuberozow schüttelt den Kopf, wendet sich dem Portal zu und tritt in die Vorhalle, wo er die Serbolowa in stillem Gebete kniend erblickt. In einer Ecke aber sitzt der Lehrer Prepotenskij auf einer Totenbahre und klopft sich den Staub von den Beinkleidern. Sein Gesicht strahlt. Er schaut den Propst und den Diakon mit triumphierendem Lächeln an. Was konnte ihn, den Gottesleugner, in die Kirche geführt haben? Darüber erstaunte Tuberozow nicht weniger als Achilla; nur vermochte Achilla diesen Gedanken auch während der Messe nicht zu bannen, während der ernste Sawelij ihn bereits von sich gewiesen hatte, als sich die Tür zum Altarraum vor ihm auftat, denn er war gewohnt, mit Furcht und Zittern vor das Angesicht seines Gottes zu treten.

Eine Stunde war vergangen und die Totenmesse beendet. Die Serbolowa und ein entfernter Vetter von ihr, ein gewisser Darjanow, hatten beim Propst Tee getrunken und waren fortgegangen. Die Serbolowa wollte gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brannte, auf ihr Gut zurückkehren. Jetzt aber gedachte sie etwas zu ruhen. Darjanow sollte mit ihr bei der alten Prepotenskaja Mittag essen, wohin Tuberozow später ebenfalls kommen wollte, um ein Gläschen Tee zu trinken und seinem lieben Beichtkinde das Geleite zu geben.

Neuntes Kapitel.

Öde, traurig und eintönig ist der Anblick der menschenleeren Straßen unserer Kreisstädte zu jeder Zeit; aber nie erscheinen sie so ausgestorben wie an einem heißen Sommermittag. Der dicke, graue Staub, den stellenweise die Spuren von Wagenrädern durchfurchen, das schläfrige, welke Gras, das die ungepflasterten Straßen an der Seite, wo die Trottoirs anzunehmen sind, umsäumt, die grauen, halbverfaulten, schiefen Zäune, die Kirchentüren mit ihren schweren Hängeschlössern, die Holzbuden, die von ihren Besitzern verlassen und mit zwei übers Kreuz geschlagenen Brettern verbarrikadiert sind, — alles das schlummert in der Mittagshitze so verführerisch, daß der Mensch, der verurteilt ist, in dieser Umgebung zu leben, ganz von selbst alle Munterkeit verliert und auch matt wird und einschläft.

Um diese Stunde war es, als Valerian Nikolajewitsch Darjanow, nachdem er einige öde Straßen durchschritten hatte, in ein enges Gäßchen einbog, das durch einen alten Gitterzaun völlig abgeschlossen ward. Hinter dem Zaun war eine Kirche sichtbar. Darjanow bückte sich tief und trat durch das niedrige Pförtchen in den Kirchhof. Hier stand in einer Ecke das kaum bemerkbare Hüttchen des Kirchenwächters, und weiter hinten, inmitten eines ganzen Waldes verfallener Grabkreuze, verbarg sich das niedrige, dreifenstrige Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja.

Der Friedhof war frei von dem Staube, der in dicker Schicht alle Straßen und Plätze der Stadt bedeckte. Hier wuchs schönes grünes Gras, und zwei Hühner, die sich im weichen Staube im Sonnenschein ausliegen wollten, mußten vor die Pforte hinaus und sich unter der Schwelle in den weichen Staub eingraben, so daß man sie kaum sehen konnte. Dort lagen sie meist den ganzen Tag, fest überzeugt, daß keiner sie stören werde. Als Darjanow über sie hinwegschritt, rührten sie sich nicht; jedes öffnete nur eins seiner bernsteinfarbenen Augen, begleitete den Gast mit einem schläfrigen Blick und schloß dann die grauen Lider wieder. Darjanow ging geradewegs auf das Pförtchen des Prepotenskijschen Hauses zu und schlug mit dem schweren eisernen Ring gegen das Holz. Alles blieb stumm. Kein Hund bellte, keine menschliche Stimme ließ sich vernehmen. Darjanow klopfte noch einmal, aber wieder erfolglos. Dann ließ er alle Hoffnung fahren, kroch unter dem Lattenwerk hindurch ins Himbeergesträuch, welches das Haus der Hostienbäckerin dicht umgab, und schaute in eins der Fenster. Diese waren gegen die Sonnenhitze durch Läden geschlossen, aber durch die breiten Ritzen konnte man den ganzen Innenraum übersehen. Es war ein großes, hohes Zimmer, fast ohne Möbel, mit zwei Türen, durch deren eine man in eine zweite, winzige blaue Kammer mit einem hohen Bett blickte, über welchem eine aus Kattunflicken zusammengenähte Decke lag.

Das große, leere Zimmer gehörte dem Lehrer Warnawa, die kleine Kammer seiner Mutter. Das ganze Haus bestand nur aus diesem zwei Räumen, denn die winzige Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, zählte nicht mit.

Augenblicklich standen beide Zimmer leer, aber Darjanow hörte im Vorhause hinter der Tür eifrig jemand mit dem Hackmesser arbeiten, und im Garten unter dem Fenster schien entweder Ziegel gerieben oder Eisen gefeilt zu werden. Durchaus überzeugt, alles Klopfen führe zu nichts, trat Darjanow an den Zaun, der das Gärtchen umgab, und begann eine neue Musterung durch den Spalt, den er zwischen den Brettern entdeckte. Es war aber nicht so leicht, denn an den Zaun lehnte sich dichtes Gesträuch, das den Menschen, der da mit den Ziegeln oder der Feile arbeitete, nicht sehen ließ. Darjanow mußte sich einen neuen Beobachtungspunkt suchen. Er trat mit der Fußspitze auf ein vorspringendes Brett, faßte mit der Hand den oberen Rand des Zaunes und schwang sich empor. Jetzt konnte er den ganzen kleinen, aber dichtbewachsenen und sehr reinlich gehaltenen Garten übersehen. Quer hindurch ging ein von der Hostienbäckerin eigenhändig angelegter, sauber mit gelbem Sand bestreuter Weg, auf welchem der Lehrer Warnawa saß. Er hielt die ausgestreckten Beine auseinandergespreizt, wie Kinder beim Ballspielen. Zwischen seinen Knien lag auf dem Sande ein ganzer Haufen Menschenknochen und ein Bogen blaues Packpapier. In jeder Hand hielt er einen Ziegelstein und rieb sie mit gewaltiger Kraftanstrengung aneinander. Der Schweiß floß in Strömen über sein Gesicht, obgleich er im Schatten saß und alle irgend überflüssigen Toilettenstücke abgelegt hatte. Er war barfuß und nur mit Hemd und Hose, welch letztere nur durch einen Träger gehalten wurde, bekleidet.

»Warnawa Wasiljewitsch, machen Sie mir auf!« rief Darjanow ihm zu, aber dieser Ruf verhallte ergebnislos.

Eher hätten die Toten auf dem verfallenen Friedhof dem Gast Bescheid geben können, als der ganz in seine Arbeit vertiefte Lehrer. Sobald Darjanow das begriffen hatte, verzichtete er auf weiteres Rufen und sprang vom Zaun mitten in den Garten hinein. Er sprang leicht und gewandt, aber die alten, wackligen Bretter schlugen trotzdem krachend aneinander und erschreckten den Lehrer dermaßen, daß er in größter Hast seine Ziegelsteine fallen ließ und, auf allen Vieren stehend, die Knochen zusammenzusuchen begann.

»Na, Warnawa Wasiljewitsch, guter Freund! Sie sind aber vertieft in Ihre Arbeit! Man kann sich ja die Lunge aus dem Halse schreien!« begrüßte ihn der Gast hervortretend. Als Warnawa ihn erkannte, ging ein Leuchten über sein Antlitz, und er zwinkerte mit den Augen, als er sagte:

»Ah, Sie sind’s! Und ich dachte, es wäre der Achilla.«

Mit diesen Worten breitete der Lehrer freudig die Arme aus, und der ganze Haufen Knochen plumpste auf den Weg, als würde plötzlich das Innere des Mannes ausgeschüttet.

»Ach, Valerian Nikolajewitsch,« meinte er, »wenn Sie wüßten, was hier vorgeht. Nein, hol’s der Teufel, — da soll man noch in diesem verfluchten Rußland bleiben!«

»Um Gotteswillen, was ist denn passiert? Wollen Sie es mir nicht verraten?«

»Ja gewiß, wenn …​ wenn Sie kein Spion sind.«

»Ich glaube nicht.«

»Dann setzen Sie sich auf die Bank und ich will weiter arbeiten. Setzen Sie sich nur, mir ist Ihre Gegenwart sogar sehr angenehm; ich habe so wenigstens einen Zeugen.«

Der Gast kam der Aufforderung nach und bat den Lehrer noch einmal, zu berichten, was für ein Leid ihn betroffen hätte und wie alles so gekommen wäre.

Zehntes Kapitel.

»Mein Leiden begann mit meiner Geburt, Valerian Nikolajewitsch,« fing der Lehrer an, »und wurzelt in der Hauptsache darin, daß ich von meiner Mutter geboren bin.«

»Trösten Sie sich, lieber Freund, alle Menschen sind von ihren Müttern geboren,« entgegnete Darjanow und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Nur Macduff wurde aus dem Mutterleibe geschnitten, und auch nur, damit Macbeth von keinem besiegt werde, den ein Weib gebar.«

»Na ja, Macbeth! …​ Was schert mich euer Macbeth? Wir brauchen keinen Macbeth, wir brauchen Aufklärung. Aber was soll man machen, wenn man hier nicht studieren kann? Ich kann es ohne weiteres beschwören, daß weder in Petersburg, noch in Neapel, noch sonstwo in der Welt der Mensch, der etwas lernen will, auf solche Hindernisse stößt, wie hier bei uns. Da redet man von Spanien …​ Aber wie ist’s mit Spanien? In Spanien ist die Lutherbibel verboten. Schön! Dafür aber haben sie auch Verschwörungen und Aufstände und Gott weiß was alles. Ich bin überzeugt, wenn sich dort jemand ein Skelett zu wissenschaftlichen Zwecken anschafft, so wird niemand was dagegen einzuwenden haben. Aber hier? Kaum hatte ich die Knochen präpariert, so ließ meine eigene Mutter mir keine Ruhe mehr. ›Sei lieb, Warnawa, mein Kind, ich will ihn beerdigen.‹ Was heißt das: ›ihn‹? Was ist das für ein ›Er‹? Warum sind diese Knochen ein Er und keine Sie? Hab' ich recht oder nicht?«


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