Full Text - Section 20

»Für so niederträchtig hätte ich dich allerdings nicht gehalten.«

»Ich niederträchtig?«

»Jawohl! Einer geistlichen Person mit derartigen dummen Fragen zu kommen ist niederträchtig. Aber merk dir: deinen faulen Scherz mit dem Schwanz hab' ich dir nachgesehen, aber jetzt nimm dich in acht!«

»O wie schrecklich!«

»Ja, hab' dich nur! Ich mein' es ernst. Eure Freigeisterei hängt mir längst zum Halse heraus.«

»Ja, ist denn das Freigeisterei, wenn man Astragalus sagt?«

»Kusch!« schreit der Diakon.

»Schafskopf« meint der Arzt achselzuckend.

»Kusch!« donnert Achilla und hebt drohend die Faust. Seine Augen funkeln grimmig.

»Ist das ein Esel! Kein vernünftiges Wort kann man mit ihm reden.«

»Was? Ein Esel bin ich? Man kann nicht mit mir reden? Na warte! Ich bin euch kein sanfter Sawelij! Runter in den Sumpf!«

Mit diesen Worten hat der Diakon die Leine seines Pferdes aus der rechten Hand in die linke genommen, packt den Arzt mit der Rechten um den Leib und reißt ihn ins Wasser hinab. Sie tauchen unter, werden wieder sichtbar und verschwinden aufs neue. Obgleich das Verhalten des Diakons deutlich verriet, daß er keineswegs die Absicht hatte, den Arzt zu ertränken, sondern ihn nur etlichemal untertauchen wollte, — er hielt auch, während sie so zappelten, immer nach dem Ufer zu — so versetzte das verzweifelte Gebrüll des Medikus die Drei auf dem Steine und die am Ufer stehende Felizata doch in eine so unbeschreibliche Angst, daß auch sie ein lautes Geschrei erhoben, welches die ganze Umgegend alarmieren mußte.

So begann der Diakon Achilla seinen Ausrottungskampf gegen die in Stargorod um sich greifende gemeingefährliche Freigeisterei, und wir werden sehen, was für gewaltige Folgen dieser energische Anfang zeitigen sollte.

Achtes Kapitel.

Der Lärm und das Geschrei der Badenden hatten den Propst, der an seinem Fenster kaum ein wenig eingeschlummert war, aufgeweckt. Der Alte erschrickt, springt auf, sieht auf den Fluß hinaus, kann aber ganz und gar nicht begreifen, was eigentlich geschehen. In diesem Augenblicke hält vor seinem Hause ein eleganter, von einem grauen Vollblutpferde gezogener Jagdwagen. Darin sitzt eine schwarzgekleidete junge Dame: sie kutschiert selbst, neben ihr ein kleiner Groom. Die Dame ist die junge verwitwete Gutsbesitzerin Alexandra Iwanowna Serbolowa, seine ehemalige Lieblingsschülerin.

»Alexandra Iwanowna, seien Sie mir herzlichst willkommen,« erwidert der Propst ihren Gruß. »Meine Frau steht gleich auf, und dann sind Sie so freundlich, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen.«

Die Dame dankt. Sie sagt, sie sei in die Stadt gekommen, um eine Totenmesse für ihren verstorbenen Gatten lesen zu lassen, und bittet Tuberozow, doch recht bald in die Kirche zu kommen.

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Vielen Dank. Ich will jetzt nur noch für einen Augenblick zur alten Prepotenskaja, sonst ist sie gekränkt.«

Sie nickt dem Priester zu und im nächsten Augenblick ist der leichte Wagen verschwunden. Der Propst schickt das Dienstmädchen zum Küster mit dem Befehl, zur Frühmesse läuten zu lassen und den Diakon Achilla in die Kirche zu beordern; dann tritt er vor den Heiligenbilderschrein, seine Morgenandacht zu verrichten. Eine halbe Stunde später schlägt die Domglocke an, und gleich darauf kommt das Mädchen zurück mit der Meldung, sie habe den Diakon Achilla nicht finden können, niemand wisse, wo er sei. Zum Warten ist aber keine Zeit mehr und so nimmt der Propst seinen Stab mit der Inschrift »Der Stecken Aarons erblühte« und begibt sich in den Dom. Er ist noch keine zehn Minuten fort, als die Pröpstin Natalia Nikolajewna durch das plötzliche Erscheinen des Diakons Achilla höchlich überrascht wird. Er ist ganz außer sich.

»Mütterchen,« ruft er, »alles, was ich Euch gestern von den Totengebeinen versprochen hatte, ist zuschanden geworden.«

»Das habe ich mir doch gleich gedacht,« erwidert Natalia Nikolajewna.

»Nein, bitte sehr, Ihr müßt erst wissen, warum es zuschanden geworden ist. Wie ich es Euch gestern versprach, so habe ich’s auch gemacht. Ganz wie sich’s gehört, habe ich die Überreste dieses Menschen, den der Warnawka gekocht hat, durchs Fenster gestohlen, in den Sack gesteckt und zu mir nach Haus getragen. Dann habe ich sie in den Karren geschüttet. Aber als ich heute nachschaue, ist der Karren leer! Kann ich dafür?«

»Ja, wer beschuldigt dich denn?«

»Das ist es ja eben. Mich überkam sogar ein Zweifel, ob ich sie nicht schon nachts vergraben hätte, aber heut früh im Bade war der Arzt so frech gegen mich, daß ich gleich aus dem Bad zum Warnawka gerannt bin. Alle Fensterläden waren geschlossen. Ich guckte durch eine Ritze, und da seh' ich, daß der Gekochte wieder heil und ganz am Nagel hängt! Wo ist der Vater Propst? Ich muß ihm gleich alles erzählen!«


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