Full Text - Section 2

Trotz der »Unermeßlichkeit« seines Basses war Achilla im Sängerchor doch sehr geschätzt, weil er mit gleicher Leichtigkeit sich zu den höchsten Höhen emporzuschwingen und bis zur tiefsten Oktave hinabzuklettern vermochte. Eins nur machte dem Dirigenten bei dem unermeßlichen Achilla immer wieder Angst, — seine übergroße Begeisterungsfähigkeit. So konnte er etwa bei der Vesper sich nicht damit begnügen, das »Heilig ist der Herr unser Gott« nur dreimal zu singen, sondern ließ sich oft fortreißen, es ganz allein zum vierten Male anzustimmen; besonders aber konnte er den Lobgesang am Schluß des Gottesdienstes nie zur rechten Zeit abbrechen. Doch in allen diesen Fällen, die schon bekannt waren und die man deshalb auch voraussehen konnte, wurden vernünftigerweise entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen: einer der erwachsenen Sänger erhielt nämlich den Auftrag, den Achilla am Rockschoß zu ziehen oder ihn im geeigneten Moment durch einen kräftigen Druck auf beide Schultern zusammenknicken zu lassen. Indessen nicht umsonst sagt das Sprichwort, daß man sich nicht für jeden Augenblick vorsehen könne. An einem der großen zwölf Feiertage hatte Achilla in der Kommunionsliturgie ein sehr schwieriges Baß-Solo auf den Text »von Schmerzen gepeinigt« zu singen. Die Bedeutung, die der Dirigent und der ganze Chor diesem Solo beimaß, machte dem Achilla nicht wenig Sorge: er war in großer Unruhe und dachte hin und her, wie er es anstellen sollte, sich nicht zu blamieren, sondern vor der Eminenz, die ein großer Liebhaber guten Kirchengesanges war, und vor dem gesamten Gouvernementsadel, der an diesem Tage in der Kirche sein würde, in Ehren zu bestehen. Tag und Nacht ging er bald in seiner Stube, bald im Korridor oder im Hofe, bald im bischöflichen Garten oder auf dem Weideplatz vor der Stadt auf und ab und sang in den verschiedensten Tonarten: »gepeinigt, gepeinigt, gepeinigt«. So brach endlich der Tag seines Ruhmes an, wo er sein »gepeinigt« in der gedrängt vollen Domkirche zu Gehör bringen sollte. Gott, wie groß und strahlend stand der gewaltige Achilla da, das Notenblatt in der Hand. Die wohlbekannten Vorschläge sind erledigt. Nun kommt das Baß-Solo. Achilla schiebt seinen Nachbar mit dem Ellenbogen beiseite und zählt leise die Takte. Jetzt ist es so weit. Der Dirigent hebt die Hand mit der Stimmgabel …​ Achilla hat die ganze Welt und sich selbst vergessen, und in der wunderlichsten Weise, der Posaune des Erzengels vergleichbar, donnert er bald ganz schnell, bald langsam gedehnt: »Von Schmerzen gepeinigt, gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t, gepeinigt.« Mit Gewalt hält man ihn zurück, sich in weiteren unvorhergesehenen Variationen zu ergehen, und das Konzert ist beendet. Aber in dem »fortgerissenen« Geiste Achillas war es noch nicht zu Ende. Während die Honoratioren der Stadt mit leisen Begrüßungen an den Bischof herantraten, um seinen Segen entgegenzunehmen, ertönte es vom Chor plötzlich wieder, wie ein Posaunenstoß vom Himmel: »Gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t!« Das singt der in seiner Begeisterung ganz um den Verstand gebrachte Achilla. Man zupft ihn — er singt weiter. Man drückt ihn zu Boden, um ihn hinter den Rücken seiner Genossen verschwinden zu lassen, — er singt: »gepeinigt«. Man führt ihn endlich aus der Kirche hinaus, unentwegt singt er: »g-e-p-e-i-n-i-g-t!«

»Was ist dir?« fragen ihn mitleidige Leute voller Teilnahme.

»Gepeinigt,« singt er, sie verständnislos ansehend, und bleibt an der Tür der Vorhalle stehen, bis ihn endlich ein Strom frischer Luft von draußen ernüchtert.

Im Vergleich zu dem Propst Tuberozow und dem Vater Benefaktow kann Achilla Desnitzyn als junger Mann gelten, aber auch er hat die Vierzig schon hinter sich und seine tiefschwarzen Locken sind stark angegraut. Achilla ist von Riesengestalt und ungeheurer Kraft, seine Bewegungen sind eckig und schroff; sein Gesicht zeigt einen südlichen Typus und er behauptet, von kleinrussischen Kosaken abzustammen, von denen er auch in der Tat den Leichtsinn und die Tapferkeit und noch manches andere zu haben scheint.

Zweites Kapitel.

Alle diese meine altmodischen Helden wohnten auf dem Stargoroder Pfarrgehöft, am stillen, schiffbaren Fluß Turitza. Jeder von ihnen, Tuberozow, Zacharia und sogar der Diakon Achilla hatte sein eigenes Häuschen dicht am Ufer, gerade gegenüber dem jenseits des Flusses aufragenden alten Dom mit seinen fünf hohen Kuppeln. Aber so verschieden geartet, wie die drei Männer, waren auch ihre Wohnsitze. Das Haus des Vaters Sawelij war sehr hübsch, mit hellblauer Ölfarbe gestrichen und mit verschiedenfarbigen Sternchen, Quadraten und Schnörkeln über jedem der drei Fenster geziert. Letztere hatten außerdem noch holzgeschnitzte, grellbemalte Einfassungen und grüne Läden, die nie geschlossen wurden, denn das festgefügte Haus trotzte im Winter jeglichem Frost und der Propst liebte das Licht, liebte den Stern, der nachts vom Himmel in seine Stube schaute, liebte den Mondstrahl, der sich wie ein Brokatstreifen über den parkettartig gemusterten Fußboden legte.

Im Häuschen des Propstes herrscht absolute Reinlichkeit und Ordnung, denn es ist niemand da, der Schmutz oder Unordnung machen könnte. Der Propst hat keine Kinder und das ist eine Quelle steter Betrübnis für ihn und seine Lebensgefährtin.

Das Häuschen des Vaters Zacharia Benefaktow ist viel größer als das des Vaters Tuberozow. Aber es fehlt ihm jene Eleganz und Koketterie, die den Wohnsitz des Propstes auszeichnet. Das fünffenstrige, etwas schiefstehende, graue Haus des Vaters Zacharia erinnert eher an einen großen Geflügelstall, und, um die Ähnlichkeit perfekt zu machen, drängen und stoßen sich in den engen Rahmen seiner grünen Fenster unausgesetzt allerlei Schnäbelchen und Schöpfchen. Das ist die gesamte Nachkommenschaft des Vaters Zacharia, den Gott gesegnet hat, wie den Jakob, und dessen Gattin er fruchtbar gemacht hat, wie die Rahel. Bei Vater Zacharia fand man nichts von der spiegelglatten Sauberkeit des Tuberozowschen Hauses, nichts von dessen strenger Ordnung. Überall stieß man auf Spuren schmutziger Kinderpfötchen; aus jedem Winkel guckte ein Kinderköpfchen hervor; alles lebte und webte mit den Kindern und um die Kinder.

Der Diakon Achilla war Witwer und kinderlos. Wenig kümmerte er sich um irdische Güter und Hauswirtschaft. Hart am Flußrande hatte er eine lehmgestrichene, kleinrussische Kate, zu der aber keinerlei Nebengebäude gehörten; nicht einmal ein Zaun war vorhanden, nichts als eine rohe Lattenhürde, innerhalb derer, bis an die Knie im Stroh versinkend, bald ein scheckiger Hengst, bald ein falber Wallach, bald eine schwarze Stute umherstampfte. Die innere Einrichtung des Hauses war ebenfalls ganz kosakenmäßig: in dem vorderen, besseren Raume, den der Hausherr für sich selbst bestimmt hatte, stand ein hölzernes Sofa, welches Achilla auch als Bett diente. Eine weiße Kosaken-Filzdecke lag darüber gebreitet und am Kopfende ein ziselierter asiatischer Sattelbogen, an den sich ein kleines pfannkuchenähnliches Kissen in einem fettigen Nankingüberzug lehnte. Vor diesem Kosakenlager stand ein Tisch aus weißem Lindenholz. An der Wand hing eine Gitarre ohne Saiten, ein hänfener Fangstrick, eine Nagaika und zwei kunstvoll geflochtene Zäume. In der Ecke auf einem kleinen Wandbrett, hinter welchem ein verdorrter Palmweidenzweig gesteckt war, stand ein winziges Heiligenbild, die Himmelfahrt Mariä darstellend, vor dem ein kleines Kiewer Gebetbuch lag. Sonst war nichts, rein gar nichts in der Behausung des Diakons Achilla zu finden. Nebenan in einer kleinen Kammer hauste die alte Nadeshda Stepanowna, genannt Esperance, die früher einmal Zimmermädchen in einem adligen Gutshause gewesen war.

Sie war eine kleine, ältliche, gelbliche, spitznäsige, zusammengeschrumpfte Person von so unverträglichem und unerträglichem Charakter, daß sie trotz ihrer geschickten Hände nirgends dauernd unterkommen konnte, bis sie zu guter Letzt Bedienerin beim einsamen Achilla geworden war, dem sie vorschnattern und vorkeifen konnte soviel sie wollte, denn er beachtete dieses Geschnatter und Gekeife überhaupt nicht; nur wenn die Erregung seiner alten Hausgenossin gar zu arg wurde, machte er ihr im entscheidenden Augenblick durch ein donnerndes: »Versinke, Esperance!« ein Ende, worauf Esperance zumeist auch wirklich sofort verschwand, denn sie wußte, daß Achilla sie andernfalls in seine Arme nehmen, auf das Dach seiner Hütte setzen und dort bis zum Sonnenuntergang ihrem Schicksal überlassen würde.

So lebten diese Leutchen hin und trugen alle mehr oder weniger einer des andern Lasten und suchten sich gegenseitig das einförmige Dasein ein wenig bunter zu gestalten durch allerlei leichte Streitigkeiten und Mißverständnisse, welche auf die durch die Ereignislosigkeit des Kleinstadtlebens erschlaffte menschliche Natur eine so wohltuend aufrüttelnde Wirkung ausüben. So hatte zum Beispiel eines Tages der Gutsbesitzer und Adelsmarschall Alexej Nikititsch Plodomasow von einer Reise nach Petersburg den von ihm sehr hochgeschätzten Domgeistlichen verschiedene mehr oder weniger kostbare Geschenke mitgebracht, darunter auch drei Stöcke: zwei mit ganz gleichen Knöpfen aus Dukatengold für die beiden Pfarrer, den einen für Vater Tuberozow, den andern für Vater Zacharia. Der dritte Stock mit einem hübschen Knopf aus emailliertem Silber war für den Diakon Achilla bestimmt. Diese Stäbe fielen unter die Stargoroder Geistlichen wie die biblischen Schlangen, welche die ägyptischen Zauberer vor den Pharao hinwarfen.

»Durch diese Schenkung der Stäbe ist ein Zweifel in uns geweckt worden,« erzählte der Diakon Achilla.

»Was für einen Zweifel kann es denn geben, Vater Diakon?« fragten die Leute, denen er sein Leid klagte.

»Ach, ihr Laien versteht von solchen Dingen nichts. Erstens ziemt es mir in meinem Amte als Diakon gar nicht, einen solchen Stab zu tragen, denn ich bin kein Pfarrer. Ferner: ich trage diesen Stab jetzt trotzdem, denn ich habe ihn geschenkt bekommen. Drittens aber tritt dabei noch eine zweifelerregende Gleichstellung zutage: der Vater Sawelij und der Vater Zacharia haben Stäbe von ganz derselben Qualität und gleichem Aussehen erhalten. Darf man sie aber so völlig gleichstellen? …​ Ich frage, darf man das? …​ Vater Sawelij …​ ihr wißt es ja selbst …​ Vater Sawelij …​ ist ein Weiser, ein Philosoph, ein Justizminister …​ und nun sehe ich, daß auch er sich darin nicht zu finden weiß und verwirrt ist, ganz furchtbar verwirrt.«

»Was kann ihn denn so verwirren, Vater Diakon?«

»Es verwirrt ihn, daß erstens diese völlige Gleichheit Verwechselungen hervorruft. Was meint ihr, wie soll man erkennen, wem dieser Stab gehört? Versucht es doch herauszukriegen, welcher Stab dem Propst und welcher dem Zacharia zukommt, wenn sie beide ganz gleich aussehen! Freilich, zur Unterscheidung ließe sich ja irgendein Zeichen anbringen — ein Tröpfchen Siegellack auf den Knopf oder ein kleiner Einschnitt in das Holz. Wie steht es aber mit der politischen Seite der Sache? Es ist doch ganz unmöglich, daß der Propst und der Vater Zacharia gleich viel wert wären! Und der Propst fühlt das sehr wohl, und ich seh' es deutlich, und darum sag' ich ihm: ›Vater Propst, es ist in diesem Falle nichts anderes zu machen: gestattet mir, daß ich den Stab des Vaters Zacharia irgendwie zeichne, mit Siegellack oder durch einen Messerschnitt.‹ Er aber antwortet: ›Nichts dergleichen. Untersteh' dich nicht. Es ist nicht nötig.‹ Ja, wie denn nicht nötig?! ›Nun,‹ sag' ich da wieder, ›so gebt mir Euren Segen zu etwas anderm. Ich will ganz insgeheim den Stab des Vaters Zacharia mit dem Messer um einen Zoll kürzer machen, so daß der Vater Zacharia selber von dieser Verkürzung gar nichts merken soll.‹ Er aber nennt mich darauf einen Dummkopf. Gut denn, ich bin ein Dummkopf, ich hör’s von ihm nicht zum erstenmal und von ihm kränkt’s mich auch nicht, aber ich sehe doch, daß er mit alledem sehr unzufrieden ist, und das raubt mir alle Seelenruhe …​ Und ihr könnt mich einen dreifachen Dummkopf nennen,« — rief der Diakon, — »ja, ich gestatte es euch, nennt mich ruhig dumm, wenn er, der Vater Sawelij, nicht etwas ganz Politisches im Sinne hat. Ich weiß es ganz genau, daß er eben deswegen mich nicht gewähren läßt, weil er seine eigene Politik verfolgt.«

Und der Diakon Achilla schien sich nicht geirrt zu haben. Noch war kein Monat seit der Beschenkung der Stargoroder Geistlichkeit mit den erwähnten zweifelerregenden Stäben vergangen, als der Propst Sawelij sich plötzlich zu einer Reise in die Gouvernementsstadt zu rüsten begann. Man brauchte dieser Fahrt keine besondere Bedeutung zuzuschreiben, denn der Propst hatte in Amtsangelegenheiten oft genug mit dem Konsistorium zu verhandeln. Aber als der Vater Tuberozow bereits im Wagen saß, wandte er sich plötzlich zum Vater Zacharia:

»Hör' mal, Vater, wo ist denn wohl dein Stab? Gib ihn mir mal her, ich will ihn mit in die Stadt nehmen.«

Diese scheinbar von ungefähr gesagten Worte ließen ein Licht in den Gemütern aller derer aufgehen, die vor das Tor gekommen waren, dem Abreisenden das Geleite zu geben.

Der Diakon Achilla räusperte sich kräftig und flüsterte dem Vater Benefaktow ins Ohr:

»Nun? Sagt' ich’s Euch nicht? Da haben wir die Politik!«

»Weshalb wollt Ihr denn meinen Stab in die Stadt mitnehmen, Vater Propst?« fragte Vater Zacharia, und zwinkerte demütig mit den Augen, wobei er zugleich den Diakon beiseite schob.

»Wozu? Nun, vielleicht will ich den Leuten dort zeigen, wie man uns hier achtet und unser gedenkt,« antwortete Tuberozow.

»Alioscha, lauf hin und hol den Stock,« befahl Zacharia seinem kleinen Sohne.

»Vielleicht nehmt Ihr dann auch meinen Stab mit, Vater Propst, um ihn dort zu zeigen?« fragte Achilla in dem sanftmütigsten Tone, dessen er fähig war.


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