Full Text - Section 18
»Hupf nur, Bruder, hupf! Schwimm einmal herum und komm dann wieder raus. Dann wird geritten.«
»Wenn ich dann nur nicht zu schlüpfrig bin, Woin Wasiljewitsch. Dann fallen Sie wieder runter, wie neulich.«
»Nein, nein, ich fall schon nicht.«
Komar wirft, hinter dem Rücken seines Herrn stehend, das Hemd ab und stürzt sich mit einem mächtigen Anlauf ins Wasser, wo er alsbald gewaltig mit den Armen zu arbeiten beginnt.
»Famos schwimmt dein Komar,« sagt Porochontzew.
»Ausgezeichnet,« entgegnet die Frau, welche sich anscheinend nicht im geringsten geniert und auch keinen der Badenden durch ihre Anwesenheit stört.
Felizata, eine frühere Leibeigene Porochontzews, ist es seit langem gewohnt, ihren kränklichen Herrn zu bedienen, und bei dieser Beschäftigung gibt es für sie keinen Geschlechtsunterschied. Inzwischen ist Komar rund um den Stein geschwommen, auf dem die Badenden sitzen, und wieder aus dem Wasser gekrochen und steht nun, den gekrümmten Rücken einem Herrn zugewendet, vor der Bank. Woin Wasiljewitsch klettert auf den Rücken, umfaßt den Hals des Kutschers mit beiden Armen und reitet ins Wasser hinein. Der Rittmeister macht es fast immer so, denn er liebt es nicht, barfuß auf dem scharfen Kies zu gehen. Kaum hat jedoch das Wasser die Achselhöhlen Komars erreicht, so bleibt er stehen und meldet, nun seien keine Steine mehr da, denn er fühle reinen Sand unter seinen Sohlen. Woin Wasiljewitsch klettert von seinem Roß hinunter und legt sich auf die Schwimmblasen. Auch heute war der Vorgang derselbe: der dürre Stadtgewaltige legt sich hin, Komar gibt ihm einen tüchtigen Stoß und beide schwimmen nach dem Steine, den sie beide erklettern. Dieser nicht sehr große Stein, dessen über dem Wasser aufragende glatte, runde Fläche einen Durchmesser von etwa zwei Fuß haben mag, bietet fünf Personen Unterkunft, von denen vier — Porochontzew, Pizonskij, der Arzt und Achilla — sich an den Rand gesetzt haben, so daß sie einander den Rücken zukehren, während Komar mitten in dem engen Viereck steht, das eben diese Rücken bilden, und seinem Herrn den Kopf wäscht. Es wird eifrig diskutiert; Pizonskij erzählt unter beständigem Zucken seiner schiefen Nase, daß gestern abend in der Dämmerung irgendwo unterhalb der Brücke im Schilf sich zwei Schwäne niedergelassen und nachts, während es regnete, unausgesetzt geschrien hätten.
»Wenn die Schwäne schreien, so verkünden sie irgend jemandes Ankunft,« meint Komar, indem er den Kopf seines Herrn eifrig mit Seife einreibt.
»Nein, das verheißt bloß einen schönen Tag,« wendet Pizonskij ein.
»Wer sollte auch zu uns kommen?« mischt sich der Arzt ins Gespräch. »Wir leben ja hier wie die reinen Waldteufel: in hundert Jahren passiert nichts Neues.«
»Was soll uns auch das Neue?« sagt Pizonskij. »Wir haben ja alles; das Wetter ist schön, wir sitzen gemütlich auf unserm Stein und keiner verübelt es uns. Käme aber ein neuer Mensch her, so nähme er vielleicht Anstoß, es gäbe ein Gerede und …«
»Ein Gerede: warum sitzen sie so nackigt da?« unterbricht ihn Komar ungeniert.
»Was ist das für ein Stadthauptmann, der sich von einem Frauenzimmer waschen läßt?« wirft der Arzt ein.
»Ja, das ist wahr,« ruft der Rittmeister und schaut sich beunruhigt um.
Komar bläst sich in den Schnurrbart, lächelt und sagt leise:
»Und dann wird’s heißen: was hat der Polizeichef auf dem Komar ins Wasser zu reiten?«
»Halt’s Maul, Komar!«
»Auch das, auch das wird Fragen veranlassen,« sagt wieder der sanfte Pizonskij und seufzt, indem er fortfährt: »Und jetzt sitzen wir hier ohne alle Neuigkeiten wie im Paradiese. Selber sind wir nackt, aber wir sehen alle Schönheit der Welt: wir sehen den Wald, sehen die Berge, sehen die Tempel Gottes, das Wasser, das Grün der Wiesen; dort im Uferschilf piepen die jungen Entlein; vor uns im Wasser spielt das Völklein der kleinen Fische so fröhlich. Groß ist deine Güte, o Herr!«
Die letzten Worte hatte Pizonskij mit erhobener Stimme gesprochen, sie hallten weit über den Fluß hin, wurden von den Hügeln zurückgeworfen und klangen dann noch ein drittes Mal etwas dumpfer von dem flachen Ufer wider. Pizonskij horcht auf, streckt den Zeigefinger über seinem kahlen Kopfe zum Himmel empor und sagt:
»Dreimal antwortet dir die Güte des Herrn: was kann es Schöneres geben, als in solchem Frieden zu leben und in ihm sein Dasein zu vollenden.«
»Wahr, sehr wahr,« antwortet der Rittmeister mit einem Seufzer. »Da haben der Arzt und ich uns eine kleine Neuerung gestattet: wir erlaubten dem Warnawa eine Leiche auszukochen. Wozu hat das nicht geführt! Übrigens, Diakon, vergiß nicht, daß du versprochen hast, dem Warnawa die Knochen wegzunehmen.«
»Warum sollte ich’s vergessen? Ich bin kein Manichäer, den man hundertmal mahnen muß. Was ich versprochen habe, das halte ich auch.«
»Hast du? Hast du’s wirklich schon?«
»Natürlich hab' ich’s.«
»Du flunkerst, Diakon!«
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