Full Text - Section 17
Die dritte Gestalt, die uns vor einer Viertelstunde so grausig erschien, mit ihrem Schlachtschild unter dem Arm, entpuppt sich als die sehr bescheidene Gattin des Komar. »Mütterchen Felizata«, wie sie von dem Hausgesinde genannt wird, trägt freilich eine sehr schwere Last, die sich aber ganz und gar nicht zu kriegerischen Aktionen eignet. Vor allem trägt die gute Frau ihren eigenen Leib, in dem ein künftiger kleiner Komar junior dem Leben entgegenträumt. Unter dem Arm aber hat sie eine hell in der Sonne glitzernde Messingschüssel, in der ein Bastwisch liegt, mit einem Badehandschuh aus Tuch, im Handschuh ein Stückchen Kampherseife, und auf dem Kopfe ein vierfach zusammengefaltetes Badetuch.
Also ein durch und durch friedliches Bild.
Die weiße Gestalt, die am jenseitigen Ufer langsam zum Wasser hinabschreitet, hat inzwischen auch alles Imponierende und damit auch jede Ähnlichkeit mit dem Standbild des Komturs verloren. Der Mann hat sich in ein weißes Badetuch gehüllt, und als er das Wasser erreicht und das Tuch fallen läßt, ist es nicht mehr schwer, in ihm den wohlbeleibten und ungefügen semmelblonden Kreisarzt Pugowkin zu erkennen.
Der nackte Reiter auf dem langmähnigen roten Roß aber ist kein anderer als der Diakon Achilla, und sogar der im Gekräusel der Wellen auftauchende Kürbis gewinnt nach und nach ein wohlbekanntes menschliches Aussehen: zwei sanfte blaue Augen und eine eingeknickte Nase zeigen, daß wir es nicht mit einem Kürbis zu tun haben, sondern mit dem Kahlkopf des alten Konstantin Pizonskij, dessen Greisenleib ganz im kühlen Wasser steckt.
Es sind die Badeliebhaber von Stargorod, die von alters her an jedem schönen Sommermorgen hier zusammenkommen und gemeinschaftlich sich des frischen Wassers erfreuen.
Als erster stürzt sich der Arzt mit einem mächtigen Anlauf kopfüber in den Fluß und schwimmt auf den großen breiten Stein zu, der sich in der Mitte des Flusses einen Fuß hoch aus dem Wasser erhebt.
Mit ein paar mächtigen Schlägen hat er ihn erreicht, klettert auf seine glatte obere Platte hinauf.
»Ich bin wieder der erste im Wasser!« ruft er lachend. Und brüllt dem Achilla zu:
»Schwimm doch schneller, du Pharao! — Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf, komm herauf!«
Inzwischen ist Felizata zu dem Polizeichef getreten. Sie löst seinen Gürtel, hilft ihm aus dem Schlafrock, so daß er in Unterhosen und einer bunten Flanelljacke dasteht. Der Arzt auf dem Stein plätschert mit den Füßen im Wasser, pfeift lustig vor sich hin und klatscht plötzlich den herangeschwommenen Diakon Achilla so laut und kräftig mit der flachen Hand auf den nackten Rücken, daß dieser aufschreit, nicht vor Schmerz, sondern vor Schreck über das laute Klatschen.
»Was haust du mich mit solchem Lärm?«
»Pack mich nicht am Leib,« erwidert der Arzt.
»Wenn das aber meine Gewohnheit ist?«
»Gewöhn dir’s ab,« antwortet der Arzt und pfeift laut.
»Ich gewöhn mir’s auch ab, aber ich vergesse mich immer wieder.«
Der Arzt erwidert nichts und pfeift weiter. Der Diakon schüttelt den Kopf, spuckt aus, bindet die Schnur auf, mit der sein Heldenleib gegürtet ist, nimmt die daranhängende Bürste und den Striegel ab und beginnt mit ebensoviel Eifer wie Sachkenntnis die Mähne seines Pferdes zu reinigen. Das mächtige Tier, welches sich an der langen Leine ziemlich frei bewegen kann, biegt den breiten Rücken und schlägt mit seinen Knien das Wasser zu Schaum.
Dieses Landschafts- und Genrebild zeigt uns die Schlichtheit des Stargoroder Lebens, wie die Ouvertüre die Musik der Oper andeutet. Aber die Ouvertüre ist noch nicht zu Ende.
Siebentes Kapitel.
Am linken Flußufer, wo der Stadthauptmann immer noch zögert, hat der Kutscher Komar den Teppich ausgebreitet, die mitgebrachte Bank darauf gestellt, und nachdem er sich durch kräftiges Schütteln noch überzeugt hat, daß sie feststeht, ruft er:
»Setzen Sie sich, Woin Wasiljewitsch, sie steht fest.«
Porochontzew geht schnell auf die Bank zu, rüttelt sie erst noch einmal eigenhändig und setzt sich erst, nachdem er sich genügend überzeugt hat, daß sie tatsächlich ganz feststeht. Kaum hat der Herr sich gesetzt, so packt Komar ihn von hinten an den Schultern, und seine Frau, welche die Schüssel nebst Bastwisch und Badetuch auf den Teppich gestellt hat, beginnt den kriegerischen Stadtgewaltigen auszukleiden. Erst nimmt sie ihm die Kalotte ab, dann die gestrickte Unterjacke, die Pantoffeln und die Socken, legt hierauf ihre Handflächen vorsichtig an die dürren Rippen des Rittmeisters und bleibt so unbeweglich stehen, den Kopf etwas seitwärts gebogen.
»Nun, Felicie, geht es schon? Kann ich schon reiten?« fragt Porochontzew.
»Nein, Woin Wasiljewitsch, noch schlägt der Puls,« antwortet Felizata.
»Na, wenn er noch schlägt, muß man warten. Aber du kannst hineinhupfen, Komar.«
»Ich tu’s auch gleich.«
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