Full Text - Section 16
Sechstes Kapitel.
Der Osten wurde immer heller, und während sich die Sonne im Nebel hinter dem dampfenden Walde wusch, reckten sich die goldenen Pfeile ihrer Strahlen schon in scharfen Strichen über den Horizont. Ein leichter Nebel wallte über dem Flusse auf und kletterte das zerklüftete Ufer entlang; unter der Brücke ballte er sich zusammen und blieb an den schwarzen, nassen Pfählen kleben. Durch diesen Nebel sieht man das Gemüsefeld bläulich schimmern und den weißen Streifen der Landstraße hinüberleuchten. Über allem liegen noch die Schatten des Halbdunkels, und nirgends, weder in den Häusern, noch auf den Plätzen und Straßen, merkt man etwas vom Erwachen.
Aber da, auf dem höchsten Punkte der steilen Hügelseite von Stargorod, über dem schmalen Zickzackweg, der den steinigen Abhang hinab zum Wasser führt, heben sich zart und durchsichtig die Umrisse einer höchst seltsamen Gruppe ab. In dem schwachen Licht, das sie bescheint, wirkt sie ganz phantastisch. In der Mitte steht ein Mann, von dessen Schultern ein langes, im Gürtel leicht geschürztes Gewand bis zur Erde niederwallt. Ganz plötzlich ist diese Gestalt aus dem allmählich dünner werdenden Nebel aufgetaucht und steht unbeweglich, wie ein Gespenst.
Ein abergläubischer Mensch könnte denken, es wäre der Hauskobold von Stargorod, der, ehe die Stadt erwacht, noch ein paar Klageseufzer über ihr anstimmen will.
Aber je heller es wird, desto deutlicher erkennt man, daß es kein Hauskobold, noch sonst ein Geist ist, trotzdem aber auch nicht etwas ganz Alltägliches. Wir sehen jetzt, daß die Figur ihre Hände in die Taschen gesteckt hat. Aus der einen Tasche guckt eine sehr lange Gerte hervor, an deren Ende eine Schleuder oder eine Angelschnur gebunden ist. Aus der anderen hängt an vier Fäden etwas, das wie eine schwere Keule aussieht. Ein leiser Wind erhebt sich, die Oberfläche des schläfrigen Flusses beginnt sich leicht zu kräuseln, ein Zittern fährt durch die Zweige der Birken hinter dem schöngemusterten Gittertor des Domes, und die leeren Falten am weiten Gewande der Gestalt auf dem Berge geraten in Bewegung und enthüllen ein paar dünne Beine in weißen Unterhosen. In demselben Augenblick, wo diese dünnen Beine sichtbar werden, tauchen hinter ihnen plötzlich vier Hände auf, welche zwei anderen Gestalten gehören, die sich mehr im Hintergrunde gehalten hatten. Diese diensteifrigen Hände fassen die wehenden Enden des Gewandes, schlagen sie wieder zusammen und verhüllen aufs neue die dünnen, weißen Beine des Standbildes. Jetzt braucht man nur etwas schärfer hinzusehen, um auch die zwei anderen Gestalten zu erkennen. Rechts zeigt sich eine Frau. Sie fällt vor allem durch die ungeheure Wölbung ihres Leibes auf, über dem sich eine schmale Tunika hoch emporbläht. In der Hand hält sie einen glänzenden Metallschild, in dessen Mitte ein großer Büschel Haare befestigt ist, die soeben erst mit der Haut vom Kopfe des Feindes gelöst zu sein scheinen. Auf der anderen Seite, also zur Linken der hohen Gestalt, zeigt sich ein kurzbeiniger, schwarzer Wilder mit breitem Bart. Unter dem linken Arm hält er etwas wie ein Folterinstrument, und in der Rechten hat er einen blutigen Sack, aus dem zwei Menschenköpfe heraushängen, bleich, haarlos, wohl die unglücklichen Opfer der grausamen Folter. Um diese drei Gestalten scheint der ganze Zauber der nordischen Sage zu wehen. Nun steigt die helle Sonne noch ein wenig höher, und der Sagenzauber löst sich in nichts auf. Die drei stehen noch einen Augenblick da und eilen dann den Hügel hinab. Nachdem sie etwa zehn Schritte gemacht haben, bleiben sie wieder stehen, und der Größte, der vorausging, sagt leise:
»Schau mal, Freund Komar, es ist heut noch nichts von ihnen zu sehen.«
»Ja, es ist nichts zu sehen,« erwidert der schwarzbärtige Komar.
»Sieh besser zu!«
Komar blickt scharf über den Fluß hin:
»Es lohnt gar nicht hinzuschauen, es ist keiner da.«
»Und die Stille in der Stadt, ach du lieber Gott!«
»Das schlafende Königreich,« spricht leise die Gestalt, die den Schild unter dem Arm hält.
»Was sagst du, Felicie?« fragt der Lange, der nicht recht gehört hat.
»Ich melde Ihnen, Woin Wasiljewitsch, daß die Stadt dem schlafenden Königreich gleicht,« antwortet die Frau.
»Ja, dem schlafenden Königreich; aber bald werden sie erwachen. Schau mal hin, Komar, da drüben, scheint mir, platscht eben einer hinein.«
Die Gestalt weist nach der Insel, von der sich ein leichter Dampf erhebt und leise nach der Brücke hin schwebt.
»Ganz recht,« sagt Komar, und seine Blicke verfolgen zwei dünne Kreise auf dem stillen Wasser, die immer breiter werden. Im Mittelpunkt des vorderen Kreises schwankt und dreht sich etwas, das wie ein überreifer gelber Kürbis aussieht.
»Ach, die Kanaille ist wieder zuerst reingesprungen, ohne auf die Obrigkeit zu warten.«
»Der drüben ist auch fertig,« sagt Komar gleichgültig.
»Nicht möglich, — du lügst, Komar.«
»Sehn Sie doch hin! Da ist er schon dicht am Wasser!«
Alle drei legen die Hände über die Augen und blicken hinüber. Drüben sehen sie etwas Großes, Dickes zum Wasser herabschreiten. Es ist ganz in ein weißes schleppendes Gewand gehüllt und erinnert auffallend an die Statue des Komtur aus dem »Don Juan«, bewegt sich auch genau so langsam und feierlich und ebenso unbeirrt seinem Ziel entgegen.
Jetzt ist aber auch der strahlende Phöbus auf seinem Feuerwagen ein gutes Stück höher hinaufgekommen; der zerflatternde Nebel schimmert in Bernsteintönen. Die ganze Landschaft leuchtet in Purpur und Blau und in diesem grellen, mächtigen Licht, ganz von Sonnenstrahlen überflutet, zeigt sich in den Wellen des Flusses ein nackter Recke mit einer mächtigen Mähne schwarzer Haare auf dem gewaltigen Haupte. Er sitzt auf einem mächtigen Rotfuchs, der seines Reiters würdig und mit seiner breiten Brust die Wellen kräftig teilt, zornig mit den feuerfarbenen Nüstern schnaubend.
Der Reiter im Flusse und alle oben geschilderten Fußgänger streben dem nämlichen Punkte zu. Wollten wir Verbindungslinien von dem einen zum andern ziehen, sie würden sich alle bei einem großen Steine kreuzen, der in der Mitte des Flusses aus dem Wasser herausragt. In der ersten Gestalt, die den Berg herabsteigt, erkennen wir den Polizeichef von Stargorod, Rittmeister a. D. Woin Wasiljewitsch Porochontzew. Er hat einen himbeerfarbenen seidenen Schlafrock an und eine spitz zulaufende Kalotte aus Kamelgarn auf dem Kopfe. Aus der einen Tasche, in der seine rechte Hand steckt, guckt ein dünner Peitschenstiel, an dem eine lange Peitschenschnur hängt, und bei der andern, in die der Polizeichef seine Linke gelegt hat, sieht man eine riesengroße, ganz schwarz gerauchte Meerschaumpfeife und einen orientalischen Tabaksbeutel aus Saffian an einem Jagdriemen baumeln.
Links von ihm schreitet langsam sein Kutscher, der längst schon seinen Taufnamen verloren hat und von allen nur noch Komar (Mücke) genannt wird. In seinen Händen befinden sich weder Folterinstrumente noch Totenköpfe, noch ein blutbesprengter Leinwandsack, sondern er trägt bloß eine Bank, einen alten roten Fußteppich und ein Paar straff aufgeblasener Schwimmblasen, die mit einem Tuchstreifen zusammengebunden sind.
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