Full Text - Section 14

»1. April. Abends. Meine Beschwerde über das Benehmen der Polen hat, so scheint es, wenn auch spät, doch eine gewisse Wirkung gehabt. Heute früh kam der Chef der Gendarmen in die Stadt und berief mich zu sich und fragte mich lange nach allen Einzelheiten. Ich erzählte ihm, wie es gewesen, und er teilte mir mit, daß all diesen polnischen Gemeinheiten bald ein Ende gemacht werden solle. Ich fürchte nur, daß alles dies wieder mal, recht zum Possen, am ersten April gesagt sein wird. Ich fange an zu glauben, daß dieser Tag wirklich ein trügerischer Tag ist.«

»7. September. Der erste April scheint diesmal doch nicht getrogen zu haben. Konarkiewicz und Czemernicki sind beide in die Gouvernementsstadt versetzt worden.«

»25. November. Unser Stadthauptmann nebst Gemahlin haben uns verlassen. Er ist zum Polizeimeister in der Gouvernementsstadt ernannt worden. Die Strafe ist noch zu ertragen.«

»5. Dezember. Der neue Stadthauptmann ist angekommen. Er nennt sich Hauptmann Mratschkowskij. Der Name kommt vom Worte »mrak« — die Finsternis. O Herr, Du allein weißt, wann auch etwas vom Licht zu uns kommen wird!«

»9. Dezember. Heute war ich beim neuen Stadthauptmann zum Frühstück. Liebenswürdig sind sie beide, er sowohl wie die Gattin. Nachdem er gehörig getrunken hatte, sang er uns vor: »Denkst du daran, mein tapfrer Kampfgenosse?« Und sein Söhnchen, ein munterer Bub in einem russischen Hemd, sang auch: »Heil dir, Meister Frost, bist ein wackrer Russe!« Das sind mir doch Neuigkeiten! Aus dem Gespräch mit besagtem Mratschkowskij ist mir vor allem die Geschichte von einem Professor der Moskauer Universität bemerkenswert, der seinen Abschied erhalten haben soll, weil er in einer Festrede gesagt hatte: »~Nunquam de republica desperandum~«, — was bedeuten sollte: man darf niemals am Staat verzweifeln. Aber ein Kanzleiweiser legte es so aus, er hätte sagen wollen, man dürfe nie an der Republik verzweifeln. Daraufhin ward der Professor gebeten, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Es ist kaum glaublich.«

»20. Dezember. Nein, der erste April ist nicht nur trügerisch, sondern auch rätselhaft. Ich will hier nicht alles erzählen, was mir bei meiner diesmaligen Fahrt nach der Gouvernementsstadt widerfuhr; nur das eine sei gesagt, daß ich beschimpft und geschmäht worden bin in jeder Weise. Es fehlte nur noch, daß sie mich für meine Beschwerde geschlagen hätten. Ich weiß nicht, wem ich es zu verdanken habe, da er selbst auf mich losfuhr und mich anschrie, man hätte meine Ränke schon satt; ich vermochte nichts zu erwidern, denn so wie ich nur die Lippen bewegte, hieß es gleich: »Schweig!« So mußte ich alles hinunterschlucken und bin nun wieder daheim. Wie eine Henne, die man mit Nesseln verprügelte. Nur das eine begreife ich nicht: warum erklärt man meine Tat, die ja vielleicht unvorsichtig war, durch nichts anderes, durch meine Unbildung oder durch mein Ungeschick, sondern — was meint ihr wohl? — durch Mißgunst! Weil nämlich jene Polen mich nicht in ihre Gesellschaft aufgefordert und mich nicht trunken gemacht, — obzwar ich, Gott sei gelobt, niemals ein Trinker gewesen. Von diesem Geringen auf das Große schließend, gedenke ich der Worte der französischen Jungfrau Charlotte Corday d’Armont, welche sie in ihrem letzten Brief vor ihrer Hinrichtung schrieb, daß sich nämlich »unter den neuen Völkern wenig Patrioten fänden, welche die einfache patriotische Leidenschaft verstehen und an die Möglichkeit, ihr Opfer zu bringen, glauben können. Überall nur Egoismus und alles wird durch ihn erklärt.« Wenn ich nur unsere Leute sehe, so bin ich geneigt, Charlotte Corday d’Armont recht zu geben, richte ich meinen Blick dann aber auf die Polen, denen jeder Zugvogel ein Lied von der Heimat singt, oder auf unsere Altgläubigen, die trotz allen Kränkungen und Unterdrückungen nicht aufhören, ihr russisches Land zu lieben, dann muß ich ihr widersprechen und behaupten, es gibt doch noch Vaterlandsliebe unter den Menschen. So weit kommt man auf seine alten Tage, daß man sogar an den Polacken etwas zu loben findet! Allein ich will mich fortan an das Wort halten, das ich neulich so viele Male zu hören bekam: »Schweig!« ~Nunquam de republica desperandum.~«

»2. Januar 1849. Ich bin bei allen Altgläubigen gewesen und habe mir die Silberlinge herausschicken lassen. Ich kann mich dem nicht mehr widersetzen, allein es tut mir hin und wieder bitter weh. Ich mußte es aber tun, damit meine Pfarrerin nächstens nicht noch zur Subdiakonsfrau wird, denn nach dem, was ich erlebt habe, ist alles möglich.«

»1. Januar 1850. Das Jahr ist still und friedlich dahingegangen. Ich habe meine Wohltäterin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, zu Grabe getragen. Sie starb, nachdem sie fünf Kronenträger überlebt hatte: Elisabeth, Peter, Katharina, Paul und Alexander; mit zweien von ihnen hat sie auf Gesellschaften getanzt. Nächstes Jahr will ich einen Anbau an mein Häuschen machen, denn ich bin einer Schwäche verfallen: ich finde viel Vergnügen am Preferance-Spiel und habe mir aus Langerweile das Rauchen angewöhnt, das macht neue Ausgaben. Anfangs rauchte ich nur spaßeshalber beim Stadthauptmann, aber jetzt habe ich mir auch zu Hause allen Zubehör angelegt. Eigentlich sollte ich es lassen.«

»10. Januar 1857. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Sieben Jahre lang keine einzige Zeile hier hineingeschrieben. Mein Leben ist seltsam, denn es ist ein sattes und behagliches geworden. Ich las eben alles nach, was ich seit dem Tage meiner Ordination eingetragen. Es ist bemerkenswert, wie so ganz anders ich in diesen Jahren die Dinge betrachten gelernt habe. Ich kämpfe nicht mehr, belästige niemand und werde von keinem belästigt. Steter Tropfen höhlt den Stein!«

»20. Oktober. An Stelle unseres entschlafenen Diakons, des sanften Prochor, ist aus der Gouvernementsstadt ein neuer Diakon eingetroffen, namens Achilla Desnitzyn. Dieser ist größer und dicker als wir alle. Wenn man seine Physiognomie und seine Statur betrachtet, muß man die Schöpferkraft der Natur bewundern. Am meisten aber gefällt mir an dem Manne seine Gutmütigkeit. Er zeigte mir die Abschrift seines Zeugnisses aus dem Seminar, in dem geschrieben stand: »Sittliches Verhalten gut, aber sehr tragfähig.« Was bedeutet denn das? fragte ich. »Ach, nichts von Belang,« erklärte er, »als ich wegen Fieber im Seminarlazarett lag, trug ich den kranken Theologen heimlich Schnaps zu. Und zwar in gehöriger Quantität.««

»7. Dezember. Der Subdiakon Sergej macht mich darauf aufmerksam, daß unser neuer Diakon Achilla ein wenig vorlaut ist: aus falschem Ehrgeiz gibt er vielen Betern vom Lande heimlich den priesterlichen Segen. Ich habe ihm gesagt, daß er sich das in Zukunft nicht unterstehen dürfe.«

»15. August. Auf einem Festmahl beim Stadthauptmann kam es fast zu einem Skandal, wieder durch einen Streit um den Verstand, und das erinnerte mich an den alten Streit, der mich einst so lachen gemacht. Der Diakon Achilla und der Arzt stritten über mich. Der Arzt leugnete meinen Verstand, der Diakon pries ihn himmelhoch. Auf ihren Lärm und besonders auf das Geschrei des Arztes kamen wir ins Zimmer und sahen den Arzt hoch oben auf dem Schranke sitzen und verzweifelt mit den Beinen strampeln und stoßen. Achilla aber saß seelenruhig mitten im Zimmer in einem Lehnstuhl und meinte: »Nehmt ihn bitte nicht herunter, ich habe ihn sozusagen an Wasserflüssen Babylons an die Weiden gehängt für seine Widerspenstigkeit.« Ich konnte mich des Lachens kaum erwehren, hielt aber dem Diakon eine ordentliche Strafpredigt und sagte ihm, Gewalt sei kein Beweis. Er aber machte mir dafür eine tiefe Verbeugung und wandte sich hierauf zum Arzte: »Nun? Jetzt siehst du’s wohl selbst, daß er der Justizminister ist.« Es ist wunderbar, wie dieser kosakische Diakon es gleichsam fühlt, daß ich ihn von ganzem Herzen liebhabe. Ich weiß selbst nicht warum. Aber er hat mich auch lieb.«

»25. August. Welch große Freude! Die katholische Geistlichkeit in Litauen hat Nüchternheitsvereine gegründet: sie predigen gegen die Trunksucht, und die Trunksucht läßt nach. Die Leute kommen zur Vernunft und die Blutsauger, die Branntweinpächter, platzen. Ach, wie gern würde ich auch in dieser Art predigen!«

»5. September. In einigen orthodoxen Gemeinden ist dasselbe versucht worden. Ich fürchte, ich halt’s nicht aus und sage ein Wort! Aber da ich ohne Zensur nicht predigen darf, so will ich eine schlaue Intrige einfädeln und einen Mäßigkeitsverein gründen. Was soll man machen, notgedrungen folgt man dem Beispiel des Ignatius Loyola, wenn man auf geradem Wege nicht gehen darf.«

»7. Oktober. Wir haben die Statuten unseres Vereins entworfen, aber bestätigt ist er noch nicht. Dagegen schreibt man, daß der Branntweinpächter sich bei dem Minister über die Prediger beklagt habe, welche das Volk vom Trinken abhalten. O du freche Kanaille! Wagst es noch zu klagen, und noch gar dem Minister gegenüber!«

»20. Oktober. Eine wahnsinnige Nachricht! Die Zeitungen melden, im Juli dieses Jahres hätten die Branntweinpächter beim Minister des Innern über die orthodoxen Geistlichen, welche das Volk zur Nüchternheit anhalten, Beschwerde geführt, und der Herr Minister hätte sie dem Oberprokurator des Heiligen Synods weitergegeben, welcher geantwortet hätte, daß der Synod den Geistlichen seinen Segen gebe, an dem verdienstlichen Werke des Kampfes gegen den Mißbrauch berauschender Getränke nach Kräften mitzuwirken. Aber die Pächter gaben sich nicht zufrieden und petitionierten noch einmal um Aufhebung der Verordnung des Heiligen Synods. Hierauf soll der Finanzminister dem Oberprokurator des Heiligen Synods mitgeteilt haben, daß ein völliges Verbot des Gebrauchs geistiger Getränke nicht zulässig sei, wenn es durch religiöse Drohungen, die stark auf das Gemüt des einfachen Mannes wirken, und durch Ablegung von Gelübden durchgesetzt werde, weil dieses nicht nur der allgemeinen Anschauung von dem Nutzen eines mäßigen Weingenusses widerspreche, sondern auch gegen die gesetzlichen Verordnungen verstoße, auf Grund deren die Regierung die Schanksteuern verpachtet habe. Infolgedessen soll eine Verordnung getroffen worden sein, die Beschlüsse der Stadt- und Landgemeinden bezüglich der Branntweinverbote aufzuheben und keinerlei Gemeindeversammlungen in dieser Angelegenheit mehr zuzulassen. Sauf, mein armes Volk, sauf dich zu Tode!«

»8. November. Am Tage des Anführers aller heiligen und himmlischen Heerscharen, des Erzengels Michael, ward mir von der hohen Obrigkeit eine ellenlange Nase zuteil. Nicht nur von dem verbrecherischen Plan der Gründung eines Mäßigkeitsvereins hätte ich lassen sollen, sondern auch predigen dürfte ich nicht darüber, in Anbetracht von diesem und jenem und aus solchen Erwägungen und derartigen Rücksichten …​ bloß der einfache Nutzen der Menschheit zählt nicht mit …​ Aber habe ich nicht schon genug davon geschrieben? Soll ich denn immer nur meine eigene Schmach zu Papier bringen?«

»1. Januar 1860. Sogar den Jahresbeginn lasse ich jetzt unbeachtet! Wie heiß faßte ich früher alles auf und wie gleichgültig bin ich jetzt geworden. Meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna sagt freilich, ich wäre auch heute noch geradeso wie einst, aber wie könnte das sein! Ihr mag das mitunter wohl so vorkommen, denn auch sie hat mittlerweile das Alter der Mutter Sarah erreicht, ich aber sehe das besser …​ Der Leib ist gesund und sogar fett, aber was nutzt das, wenn die Seele schon gleichsam mit einer Rinde zu bewachsen beginnt.«

»27. März. Frühlingslüfte wehen und die Wasserbäche stürzen von den Hügeln. Der Diakon Achilla bringt schon seine Sättel in Ordnung und wird bald wieder als Steppenkirgise dahersprengen. Wohl ihm, daß er sich die Zeit so vertreiben kann.«

»23. April. Achilla erschien heute mit Sporen, die er sich für seine Spazierritte eigens von Pizonskij hatte anfertigen lassen. Schlimm, daß er in Nichts Maß zu halten versteht und jedes Ding gleich bis zum Äußersten treiben muß. Um ihn sofort in seine Schranken zu weisen, brach ich mit einem einzigen Tritt die Sporen von den Stiefeln des Achilla ab und verbot ihm zur Strafe für diese Albernheit das Reiten für dieses ganze Jahr. Somit muß er mir jetzt Buße tun. Was soll man aber machen, wenn er nicht anders gebändigt werden kann? Er ist imstande und gürtet sich nächstens noch ein Schwert um.«

»14. September. Der Subdiakon Sergej kam heute angeblich nach einer Bütte zu Sauerkraut und erzählte mir dabei scheinbar ganz von ungefähr, daß diesen Abend in der Scheune der Ziegelei ein zugereister Komödiant einen Riesen und Kraftmenschen vorführe, und der Diakon Achilla der Vorstellung beiwohnen wolle. Einen gemeinen und hinterhältigen Charakter hat dieser Sergej.«

»Am 15ten. Ich habe mir die Vorstellung angesehen. Ohne selbst gesehen zu werden, schaute ich durch eine Ritze im Hintertor. Achilla war wirklich da, aber nicht bloß als Zuschauer, sondern sozusagen als Mitwirkender. Er erschien in einem mächtigen Schafpelz, dessen Kragen hochgeschlagen war, und hatte ein gemustertes Tuch umgebunden, das seine Haare und den größten Teil des Gesichts bis an die Augen verdeckte. Ich erkannte ihn sofort, was nicht schwer war, weil er, als der vom Komödianten vorgeführte Riese und Athlet in fleischfarbenem Trikot erschien, in jeder Hand ein Fünf-Pud-Gewicht, und damit, ein wenig schwankend, die Bänke entlang wanderte, sich so weit vergaß, daß er mit seiner gewöhnlichen Stimme laut rief: »Was ist denn an all dem so Wunderbares?« Als hierauf der Riese in frechem Ton fragte, ob jemand mit ihm ringen wolle, und sich keine Liebhaber für solch einen Wettstreit fanden, trat Achilla, das Gesicht tief in das gemusterte Tuch vergrabend, vor und griff den Riesen an. Ich meinte, ihre Knochen müßten zerbrechen. Aber endlich überwand Achilla jenen hochmütigen Deutschen, und nachdem er ihm die Beine kreuzweis übereinandergelegt, wie man in feinen Häusern die gebratenen Poularden serviert, nahm er jene zehn Pud und den Kraftmenschen selber und begann mit dieser ganzen Last vor dem Publico auf- und abzugehen. Alles schrie »Bravo!« Am wunderbarsten aber war das Finale, das mein guter Achilla zum besten gab. »Meine Herrschaften,« wandte er sich ans Publikum, »vielleicht fällt es jemandem ein, zu behaupten, ich wäre wer anders. Bitte seid so gut und spuckt dann dem Kerl ins Gesicht, denn ich bin bloß der Kleinbürger Iwan Morozow aus Sewsk.« Als ob ihn jemand um diese Erklärung gebeten hätte. Aber mir war das doch immerhin eine recht heitere Zerstreuung. Ach, wie geht unser Leben dahin! Wie ist es schon hingegangen! Als ich von der Schaustellung wieder heimging, kamen mir Tränen in die Augen — ich weiß selbst nicht weshalb. Ich fühlte nur das eine, daß etwas da ist, das ich beweinen muß, wenn ich an die kühnen Pläne meiner Jugend denke und sie mit dem weiteren Verlauf meines Lebens vergleiche! Als mir einst jene große Kränkung widerfuhr, da träumte ich, ich könnte immer noch ein würdig Leben führen, nicht im Wirken nach außen, sondern in stiller Arbeit an der eigenen inneren Vervollkommnung; aber ich bin kein Philosoph, sondern ein Bürger; mir ist das nicht genug: ich plage mich und leide ohne Tätigkeit, und darum kann ich die Lebhaftigkeit meines lieben Achilla nicht immer verurteilen. Gott verzeihe ihm und segne seine entzückende Herzenseinfalt, in der ihn alles erfreut und erheitert. Dem Subdiakon Sergej habe ich gesagt, er hätte gelogen, und ich habe ihm verboten, noch weiter gegen den Achilla zu hetzen. Ich fühle, daß ich mit aller Schwäche eines Vaters diesen guten Menschen liebgewonnen habe.«

»14. Mai 1861. In was für seltsame Dinge kann den Menschen sein Leichtsinn verwickeln! Als ob wir nicht auch ohne den Diakon Achilla Hansnarren genug hätten. Der Stadthauptmann wollte bei seinem Schwiegervater, dem Verwalter der fürstlichen Güter Glitsch, ein Pferd für sein Sechsgespann kaufen, welches dieser aber nicht zu verkaufen gedachte. Da haben sie gewettet, daß der Stadthauptmann in den Besitz des Pferdes gelangen werde. Darauf hat der Stadthauptmann einen beschäftigungslosen Kleinbürger, namens Danilka, den sie hier den Kommissar nennen, für zwei Rubel gedungen, ihm das Pferd beim Herrn Glitsch zu stehlen. Einen zum Diebstahl anzustiften paßt sich vorzüglich für einen Stadthauptmann — sei es auch nur im Scherz. Was aber das Tollste war: mein Achilla erbot sich, dem Danilka bei dieser Sache zu helfen. Wieder war es der Subdiakon Sergej, der mir davon Mitteilung machte, und ich ließ den Achilla rechtzeitig zu mir kommen, um ihn für diesen Tag unter Aufsicht meiner Natalia Nikolajewna, für die er Butter schlagen mußte, zu stellen; nachts jedoch ließ ich ihn in meiner Stube auf dem Fußboden schlafen, und, damit er sich nicht davonmachen könne, verwahrte ich seine Kleider und Schuhe bis zum Morgen unter Schloß und Riegel. Heute früh aber wurden wir durch einen großen Lärm aufgeweckt: Nach dem Hause des Stadthauptmanns jagte ein mit drei Pferden bespannter Leiterwagen, in dem der Kommissar Danilka zwischen zwei Bauern saß und wie ein Wahnsinniger schrie. Wir gingen hinaus, um zu erfahren, aus welchem Grunde er so brüllte, und sahen, wie man dem Danilka die Hosen herunterzog, die ganz mit Nesseln vollgestopft waren. Es stellte sich heraus, daß der Herr Glitsch ihn ertappt und zur Strafe in die Nesseln gesetzt hatte, worauf die Gutsknechte ihn zu dem zurückgeschafft hatten, der ihn ausgesandt. Ich fragte den Diakon, wie ihm wohl zumute gewesen wäre, wenn er das Schicksal des Danilka hätte teilen müssen? Er erwiderte, das hätte ihm nicht passieren können. Wenn selbst ihrer zehn über ihn hergefallen wären, würde er sich ihnen nicht ergeben haben. »Nun, und wenn es zwanzig gewesen wären?« fragte ich. »Ja, mit zwanzig,« meinte er, »wär' ich auch nicht fertiggeworden,« und erzählte, wie er einmal als Schüler mit seinem Bruder zu den Ferien nach Hause gewandert wäre und sie gleichzeitig mit einer vorüberziehenden Abteilung Soldaten einen Holderstrauch mit ein paar Zweigen voller Beeren bemerkt, sich auf diese doch fast zu nichts zu gebrauchenden Beeren gestürzt hätten — Achilla und sein Bruder und an die vierzig Soldaten. »Es kam,« sagte er, »zwischen uns zu einem gewaltigen Handgemenge und mein Bruder Finogescha blieb für tot liegen.« Wie naiv und einfach das ist! Jede seiner Geschichten ist ein Ereignis! Das Leben ist ihm wirklich keinen Heller wert!«

»29. September 1861. Aus der Gouvernementsstadt ist der Sohn der Hostienbäckerin von St. Nikita, der Marfa Nikolajewna Prepotenskaja, Warnawa, hier eingetroffen. Er hat das Seminar als einer der ersten absolviert, aber nicht Geistlicher werden wollen und ist jetzt als Rechenlehrer an der hiesigen Kreisschule angestellt. Auf meine Frage, warum er den geistlichen Stand verschmäht habe, antwortete er kurz, er wolle kein Betrüger ein. Ich konnte diese dumme Antwort nicht ungerügt lassen und sagte ihm, er sei ein Narr. Aber so gering ich auch diesen Menschen und alle seine Meinungen achte, seine Antwort hat mir doch weh getan, wie der Stich einer giftigen Wespe.«

»27. Dezember. Achilla legt mitunter einen derartigen Leichtsinn an den Tag, daß man in seinem eigenen Interesse hart gegen ihn sein muß. Der schon mehrfach erwähnte Konstantin Pizonskij bat ihn jüngst, er möge den Knaben, den der arme Alte bei sich aufgenommen und großgezogen, ein recht schönes Gedicht lehren, mit dem das Kind den Bürgermeister zum Weihnachtsfest beglückwünschen könne, — Achilla hat sich gleich dazu bereit erklärt und dem Buben folgende Verse beigebracht:


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