Full Text - Section 13

»20. April. Der liebenswürdige Zwerg war wieder hier und teilte mir mit, Marfa Andrejewna hätte angeordnet, daß ich alljährlich dreimal — zu St. Nikolai im Sommer, im Winter und zu Epiphanias — aufgefordert werde, in der Kirche von Plodomasowo die Messe zu zelebrieren, wofür mir durch den Verwalter ein Gehalt von 150 Rubel, also 50 Rubel für jede Messe, abgezahlt werden solle. O diese Zufälle! Weiß Gott, ich werde bald anfangen, sie zu fürchten.«

»15. August. Der Glöckner Jewticheitsch ist aus der Gouvernementsstadt zurückgekehrt und hat erzählt, zwischen dem Bischof und dem Gouverneur sei ein Zwist wegen einer gegenseitigen Visite ausgebrochen.«

»2. Oktober. Das Gerücht vom Visitenstreit bestätigt sich. Der Gouverneur hat, wenn er an Staatsfeiertagen dem Gottesdienst im Dom beiwohnt, die Gewohnheit, sich dabei laut zu unterhalten. Da beschloß der Bischof, ihm dies abzugewöhnen und schickte seinen Stabträger zu seiner Exzellenz mit der Bitte, dieselben wollten sich doch anständiger betragen. Der Gouverneur nahm die Botschaft mit sehr hochfahrender Miene entgegen und fing nach kurzer Zeit wieder an, laut mit dem Gendarmenoberst zu sprechen. Diesmal aber unterbrach der Bischof die Liturgie und sagte vernehmlich: »Gut, Exzellenz, ich werde warten. Wenn Sie fertig sind, fahre ich fort.« Ich kann diese Handlungsweise des Bischofs nur billigen.«

»8. November. Ich habe das Epigonation erhalten. Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Auszeichnung komme. Soll ich es etwa dem Visitenstreit zuschreiben und dem Umstande, daß der Gouverneur mir nicht grün ist?«

»6. Januar 1837. Wieder eine Neuigkeit! Der Bischof hat zu Neujahr die Tochter des Gouverneurs zurückgewiesen, als sie in Handschuhen zu ihm hintrat, um den Segen zu empfangen. »Zieh erst das Hundefell von deiner Hand,« sagte er ihr.«

»17. März. Der Oberpfarrer von der Epiphaniaskirche kam nachts mit dem Venerabile von einem Kranken und wurde von einer Patrouille auf die Polizeiwache gebracht, — angeblich weil er betrunken war. Am nächsten Tage machte ihm der Bischof einen Besuch im vollen Ornat. O du polackischer Kanzleivorsteher, dieses Stücklein kann dir teuer zu stehen kommen!«

»18. Mai. Der Bischof ist in eine andere Diözese versetzt worden.«

»16. August. Ich war beim neuen Bischof. Er scheint ein verständiger und charakterfester Mann zu sein. Wir sprachen über die Lage der Geistlichkeit und er befahl mir, einen Bericht darüber aufzusetzen. Er sagte, ich wäre ihm von seinem Vorgänger aufs beste empfohlen worden. Dank dir, armer, schmählich geschlagener Alter, für dein gutes Wort!«

»25. Dezember. Ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, wozu ich geboren und berufen bin. Meine Pfarrerin macht mir Vorwürfe, daß ich sogar am heutigen Weihnachtstage arbeite, aber es gibt für mich kein schöneres Vergnügen als diese Arbeit. Ich schreibe meinen Bericht über die Lage der Geistlichkeit mit einer Freude und einer Liebe, die ich gar nicht auszudrücken vermag. Betitelt habe ich die Schrift: »Über die Lage der orthodoxen Geistlichkeit und über die Mittel, durch welche sie zum Nutzen der Kirche und des Staates gebessert werden könnte.« Ich glaube, es ist gut so. Nie noch habe ich mich so glücklich und so stolz gefühlt, so gütig und so reich an Kraft und Verstand.«

»1. April. Mein Bericht ist dem Bischof eingereicht. Meine Pfarrerin meinte, ich hätte es heute nicht tun sollen; denn der erste April sei ein trügerischer Tag. Wollen sehen.«

»10. August. Ich bin Oberpfarrer geworden.«

»4. Januar 1839. Heute kam ein Schreiben aus dem Konsistorium und mein ahnungsvolles Herz schlug freudig, — aber es bezog sich nicht auf meinen Bericht, sondern meldete nur, daß mir das Brustkreuz verliehen sei. Vielen, vielen Dank. Aber das Schicksal meines Berichts bekümmert mich doch.«

»8. April. Ich bin zum Propst ernannt. Von meinem Bericht ist immer noch nichts zu hören. Ich weiß nicht, wie man diese Posaunen zum Tönen bringen soll.«

»10. April 1840. Nun bin ich schon ein Jahr Propst. Von meinem Bericht ist immer noch nichts zu vernehmen. Der Aberglaube der Pfarrerin ist doch nicht so unvernünftig. Heute machte sie mich wieder lachen: sie meinte, ich hätte meine Sache vielleicht sehr gut geschrieben, aber nicht richtig unterschrieben.«

»20. Juni 1841. Ich ging trocken mitten durch das Meer und ward gerettet von der Ägypter Bosheit, darum will ich lobsingen dem Herrn, solange ich lebe …​ Was hat sich mit mir begeben? Was habe ich erdulden müssen und wie bin ich nach alledem wieder an Gottes Tageslicht gekommen? Neugierig bin ich, was du wohl tun magst, du Dichter von Fabeln, Balladen, Erzählungen und Romanen, wenn du in dem Leben, das dich umgibt, keine Fäden zu entdecken behauptest, die es wert wären, in deine vergnüglich zu lesende Fabel geflochten zu werden? Oder kümmert dich, der du der Menschen Sitten zu bessern dich vermissest, jenes wirkliche Leben gar nicht, das die Erdenmenschen leben, sondern suchest du nur nach einem Vorwand zu leerem Geschwätz? Ist dir bekannt, was für ein Leben ein russischer Pope führt; dieser »unnütze Mensch«, den man deiner Meinung nach vielleicht unnötigerweise herbeirief, deinen Eintritt ins Leben zu begrüßen, und den man abermals — auch wider deinen Willen — rufen wird, daß er dich zum Grabe geleite? Weißt du, daß das elende Leben dieses Popen nicht arm ist, sondern überreich an Nöten und Abenteuern, — oder meinst du, daß seinem Weihrauchherzen edle Leidenschaften fremd sind und daß es keine Schmerzen empfindet? Oder willst du von deiner Dichterhöhe mich, den Popen, deiner Aufmerksamkeit überhaupt nicht würdigen? Oder wähnst du, meine Zeit sei schon vorbei, und das Land, das dich und mich geboren und aufgezogen, brauche mich nicht mehr? O du Blinder, sage ich, wenn du das erste denkst; o du Narr, sage ich, wenn du das zweite denkst und dich bemühst, nicht mich aufzurichten und zu beleben, sondern einen Stein auf mich zu wälzen und des Erstickenden zu spotten.

Aber ich wende mich vom Philosophieren zu jener Begebenheit, die mich philosophieren gemacht hat.

Ich bin nicht mehr Propst und hätte fast auch mein Priesteramt verloren. Wofür? Dafür! Ich will die ganze Geschichte ausführlich erzählen. Im März dieses Jahres besuchte der Gouverneur auf der Durchreise unsere Stadt, aus welchem Anlaß der Adelsmarschall ein Fest gab. Ich benutzte diese Gelegenheit, um mich beim Gouverneur über die Gutsherren zu beschweren, welche ihre Bauern mit Arbeiten auch an Sonntagen und sogar an den zwölf großen Festtagen überhäufen, so daß das arme Volk noch ärmer wird, denn in vielen Dörfern ist jetzt weder Roggen noch Hafer zu finden. …​ Kaum aber hatte ich dieses Wort »Hafer« ausgesprochen, als der hohe Herr in heftigen Zorn geriet, von mir abrückte, als wäre ich ein giftiges Tier, und schrie: »Was kommt Ihr mir mit Eurem Hafer auf den Hals?« Und dann ging es los: ich bin dies und das und jenes, — und zuletzt: »Ich bin doch nicht der heilige Nikolaus, ich handle nicht mit Hafer!« Das konnte ich nicht dulden und erwiderte: »Ich muß Eure Exzellenz, als eine mit den Glaubenslehren wenig bekannte Persönlichkeit, vor allem darauf aufmerksam machen, daß St. Nikolaus Bischof war und keinerlei Handel trieb. Ferner aber müßten Sie wissen, daß unser rechtgläubiges Volk der Priester und Diakonen bedarf, denn das ist bisher das Einzige, was wir noch nicht von den Deutschen übernommen haben.« Der Gouverneur lachte boshaft und sagte: »Nur keine Furcht, Herr Pfarrer, wenn der Pfuhl erst da ist, kommen die Teufel von selbst.« Diese letzte Rede war für mich bitterer als die erste. Wer sind diese Teufel, und was meint dein Schandmaul mit dem Pfuhl? So dachte ich im Zorne und konnte nicht stillschweigen, sondern sagte zu dem Herrn, daß ich aus Achtung vor meinem Amte ihn auch diesmal nicht als Teufel bezeichnen wolle. Und was war die Folge? Heute bin ich Propst gewesen, und ich danke dir, Herr, mein Gott, daß ich nicht auch des Priesteramtes beraubt und exkommuniziert bin. Nein, solche Dinge mögt ihr modernen Geschichtenschreiber nicht behandeln. Ihr denkt nicht daran, den Leuten zu erzählen, wie schwer mir ums Herz ist.«

»3. September. Das Herbstwetter stimmt mich unsagbar trübe. Ich war gewohnt, immer in Tätigkeit zu sein, und nun quält mich das Nichtstun. Ich treibe die Torheit schon so weit, daß ich oft insgeheim, wenn meine Gattin es nicht sehen kann, still für mich weine.«

»27. Januar 1842. Ich habe mir bei einem Juden für sieben Rubel eine Spieldose und ein Damespiel gekauft.«

»18. Mai. Ich habe mir einen Zeisig angeschafft und lehre ihn zur Spieldose singen.«

»2. März 1845. Drei Jahre sind vergangen, ohne daß sich in meinem Leben etwas geändert hätte. Ich habe mein Haus bestellt und in den Kirchenvätern und Geschichtschreibern gelesen. Zu zwei Schlüssen bin ich gekommen und möchte sie gerne beide für falsch halten. Der erste ist, daß das Christentum in Rußland überhaupt noch gar nicht gepredigt worden ist, und der zweite, daß die Ereignisse sich wiederholen und man sie voraussagen kann. Über den ersten Schluß redete ich einmal mit meinem sehr verständigen Amtsbruder, dem Vater Nikolaus, und war sehr erstaunt, wie er das aufnahm und mir beistimmte. »Ja,« sagte er, »das ist unbestreitbar, wir werden in Jesu Namen getauft, aber wir nehmen Jesum nicht in uns auf.« Also bin ich es nicht allein, der das sieht, andere sehen es auch. Warum erscheint es aber ihnen allen nur lächerlich, während es mich bis aufs Blut peinigt.«

»Neujahr 1846. Es sind mehrere Polen zu uns in die Verbannung geschickt. Über das Schicksal meines Berichts ist mir noch immer nichts bekannt. Ich interessiere mich lebhaft für die politischen Wirren, die im Westen im Anzuge sind und habe in Anbetracht dessen eine politische Zeitung abonniert.«

»6. Mai 1847. Es sind noch zwei neue Polen zu uns gekommen, der Pater Aloysius Konarkiewicz und Pan Ignacij Czemernicki. Letzterer ist noch ein ganz junger Mann, aber bereits eine komplette Kanaille. Unsere Stadthauptmannsfrau, die ja selber Polin ist, hat sich mit einem ganzen Schwarm von Landsleuten umgeben und begünstigt letzteren vor allen anderen.«

»20. November. Ich bemerke etwas ganz Erstaunliches und Unbegreifliches. Die Polen werfen sich bei uns geradezu zu Herren auf. Man kann durch sie bei der Gouvernementsverwaltung alles erreichen, denn der Czemernicki erweist sich als intimer Freund jenes Kanzleivorstehers, den ich in so guter Erinnerung habe.«

»5. Februar 1848. Was ich mein Lebtag nicht hatte tun wollen, habe ich jetzt getan. Ich habe mich über die Polen beschwert, denn ihr Benehmen übersteigt jegliches Maß. Nicht genug, daß sie sich seit langem schon öffentlich über die Zeitungsmeldungen lustig machen und behaupten, es sei gar nicht so, wie die Blätter berichteten, sondern gerade umgekehrt: nicht wir schlügen die Feinde, sondern wir würden geschlagen, — sie gehen auch schon von bloßen Worten zu Taten über. Bei der Totenmesse für die gefallenen Krieger erhoben sie mit der Stadthauptmannsfrau ein derart unziemliches Gelächter, daß der Oberpfarrer einen Kirchendiener zu ihnen schickte mit der Bitte, sich entweder ruhig zu verhalten oder die Kirche zu verlassen, worauf sie lächelnd hinausgingen. Und als wir mit dem Klerus nach Beendigung des Gottesdienstes am Kolonialwarenladen der Gebrüder Lialin vorübergingen, trat einer von den Polen mit einem Glase Punsch in der Hand vor die Tür und rief, die Stimme des Diakons nachahmend: »Mir noch 'nen Heißen!« Ich begriff, daß es eine Verspottung des »Kyrie eleison« sein sollte, und habe es in meiner Beschwerde auch so erwähnt.«


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